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Ein Herz für Steher

Oskar und Maria Höll haben in ihrem Leben schon einiges im Galopprennsport erlebt, Schicksalsschläge wie tolle Siege. Der Galopprennsport bestimmt seit vielen Jahren ihren Tagesablauf. Und nachdem der dreijährige Hengst Rosello unter Andre Best am vergangenen Sonntag als großer Außenseiter einige der besten Steher Deutschlands hinter sich gelassen hat, dürfen die beiden wieder träumen.

Vielleicht sogar von einem klassischen Erfolg im St. Leger, dass in wenigen Wochen wie gewohnt in Dortmund über die Bühne gehen wird. Für Rennbahnkommentator Manfred Chapman zählt der Lecroix-Sohn jedenfalls zu einem chancenreichen Kandidaten im Klassiker. „Das wird der nächste und einzige Start von Rosello in 2011 sein, dann packen wir ihn für nächstes Jahr ein“, hat Oskar Höll eine klare Vorstellung über den weiteren Weg des Dreijährigen.

„Warum nicht träumen, davon lebt der Sport doch, wir sind kleine Leute und in einem Stall mit viel individueller Betreuung, vielleicht sehen wir uns sogar nächstes Jahr in Paris wieder, am Arc-Wochenende gibt es da so eine tolle Steherprüfung, die Le Miracle für Werner Baltromei mal gewonnen hat“. Der Mann hatte immer schon einen gesunden Optimismus, so wie 2006, als Oskar Höll früh kundtat, der damalige Crack Brisant werde im Preis von Europa laufen, zu einem Zeitpunkt übrigens, als dieser gerade mal einen Ausgleich III gewonnen hatte.

Es gab nicht wenige, die ihn für verrückt erklärten. Doch Brisant, der aus der Zucht von Dr. Rolf Wilhelms stammt, lief als Fünfter eben dort, gewann in seiner Karriere nicht weniger als drei Listenprüfungen, schaffte eine Gruppe II-Platzierung in Paris, und sogar im Prix Royal Oak, Gruppe I als knapp geschlagener Fünfter, damals noch unter der Ägide von Trainer Michael Trybuhl, setzte er eine eindrucksvolle Duftmarke.

Der Achtjährige gehörte bis zu seinem tragischen Unfalltod 2010 zu den besten Stehern in Deutschland, gewann sechs seiner dreißig Starts, war zudem neunmal platziert und gewann insgesamt 115.300 Euro, wobei er wohl in Paris, auf Gruppe I-Ebene seine sportlich beste Leistung markierte. Brisant zog sich im Mai 2010 in der Morgenarbeit tragischerweise einen Oberschenkelbruch zu und musste eingeschläfert werden. Eine Rettung war nicht mehr möglich.

Maria Höll, die bei der Morgenarbeit im Sattel saß, erlitt eine Arm- und Schulterfraktur und wurde ins nahgelegene Vinzenz-Krankenhaus eingeliefert. Ihre Verletzungen waren gottlob nicht so schwerwiegend.

„Ich hatte schon immer ein Herz für Steher“, umschreibt Oskar Höll seine Leidenschaft für Stamina bei den Vollblütern. Heute ist der 64-Jährige Frührentner wie seine Frau Maria Tag und Nacht für die Pferde da, hatte sich ebenfalls nach einem Reitunfall wie ein Wunder nach Koma und schwersten Verletzungen erst allmählich wieder erholt, kämpft noch heute mit den Folgen. Aber Kämpfen gehörte schon immer zu den Markenzeichen des pferdeverrückten Urkölners, der wie er selbst sagt, in seinem Leben noch nie umgezogen ist.

So ganz stimmt das nicht. Bei den Trainern haben die Hölls in Köln u.a. bei Hartmut Steguweit, Michael Trybuhl, Ralf Suerland trainieren lassen, sind zur Zeit bei Sarah Weis mit ihren Pferden wie gewohnt im Weidenpescher Park. „Auch die Trainerin lebt nur für die Pferde, sie ist ungelogen 24 Stunden für die Tiere da, das passt schon.

Auch für die junge Trainerin, die vor einigen Jahren mit einer Handvoll Pferden in bescheidenen Stallungen unter der denkmalgeschützten Tribüne des VFL 99 Köln begann und in steter Regelmäßigkeit mit durchschnittlichem Material ihre Rennen gewinnt, war der Listenerfolg Rosellos der erste Treffer auf gehobenem Parkett.

Nach dem Erfolgsgeheimnis der Hölls gefragt, antwortet Oskar: „Wir atmen, riechen, leben Rennpferde seit Jahrzehnten. Vielleicht sind es aber auch die täglichen Portionen Äpfel, Bananen, Möhren, Süßkartoffel, Vitamine und Elektrolyte“. Jedenfalls präsentiert sich der Hengst bei unserem Stallbesuch in prächtiger Verfassung.

„Ich habe meine Lehre 1961 bei Charly Keller in Köln gemacht, war viele Jahre Futtermeister bei Werner Krbalek und Reisefuttermeister bei Arthur Schlaefke, wo mich auch eine gewisse „Haßliebe“ mit Navarino, Toni Potters Liebling damals, verband“, erzählt Oskar Höll weiter.

Seine Frau Maria ist heute als mobile Fußpflegerin viel unterwegs, eine Arbeit, die ihr nicht nur große Freude bereitet, ihr es darüber hinaus auch ermöglicht, sich gleichwohl um die eigenen Pferde zu kümmern. Die erprobte Reitlehrerin kommt aus dem Reitsport, hat einst keinen Geringeren als Grauer Wicht im damaligen Gestüt Kleeblatt eingeritten, und dadurch die ersten Berührungspunkte mit dem Galopprennsport erfahren.

Über Oskar, ihrem zweiten Mann, wuchs die Liebe zu den Vollblütern, die ihn Brisant ihren einstweiligen Höhepunkt fand. „Der Hengst war bis dato der Beste, den wir in all den Jahren hatten, von Lohfuchs bei Helga Dewald über Waldkrone, Freydag, um nur einige Pferde zu nennen. Alle, die gelaufen sind, haben im Übrigen auch Rennen gewonnen, aber nun schickt sich Rosello an, in Brisants Fußstapfen zu treten, fügt Maria Höll, Oskars Ehefrau, überglücklich über den Listentreffer an.

„Und dabei hat Oskar immer ein Herz und ein Händchen für Steher gehabt“. Rosello kostete gerade einmal 3.000 Euro und auch Familie Hölls zweites Pferd, der heute zweijährige Goldmeister, ein Mamool-Sohn aus der Golden Leaf, erwarben die beiden für ganz kleines Geld. „Es war eigentlich eine Schnapsidee, ihn habe ich als Geschenk zum 7. Hochzeitstag für meine Frau erworben“. Jack Russell Terrierdame Sally, die seit drei Wochen zur Familie gehört, bellt zustimmend.

Der Mamool-Sohn hat übrigens bereits eine Nennung für das Herzog von Ratibor-Rennen erhalten, warum auch nicht. Und der zweijährige War Blade-Sohn New War weilt noch auf der Koppel und benötigt Zeit“, so Oskar Höll weiter. So hofft man also auf Rosello im anstehenden Klassiker im September.

Einziger Unterschied zum Klassesteher Brisant. Dieser hatte Speed und Rosello ist eine Galoppiermaschine mit Gangschaltung, so seine Besitzer. Aber sei’s drum. Die Vorfreude der beiden Pferdeenthusiasten auf den Leger-Tag ist in jedem Fall gewiß.

(08.09.2011)