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Werner Baltromei: Er stieß die Tür nach Frankreich auf

Die engsten Familienmitglieder hatten bereits am Wochenende Abschied von Werner Baltromei genommen, denn es war abzusehen, dass der Mülheimer Trainer den Kampf gegen die furchtbare Krankheit, gegen die er knapp eineinhalb Jahre angekämpft hatte, verlieren würde.

Am Mittwochmorgen erlag der gebürtige Kölner im Alter von 49 Jahren in der Essener Ruhrklinik seinem Krebsleiden. Damit verliert der deutsche Galopprennsport nicht nur einen erfolgreichen Trainer und echten „Typen“, sondern auch den Mann, den man ohne Frage als Pionier in Sachen Frankreichstarts bezeichnen kann.

Der Iffezheimer Coach Dieter Fechner hatte seine Pferde zwar noch vor Baltromei regelmäßig im Nachbarland aufgeboten, doch Werner Baltromei war derjenige seiner Zunft, der als Erster die großen Pariser Bahnen jenseits der Grenzen als sein “Jagdgebiet“ entdeckte, während sich Fechner hauptsächlich auf die Provinz konzentrierte.

Schnell hatte der aus einer echten Rennsport-Familie (sein Vater war bereits Trainer in Köln, seine Geschwister Dirk und Uli sind ebenfalls im Rennsport aktiv) stammende Baltromei erkannt, dass das Preis/Leistungsverhältnis in Frankreich stimmt und man dort auch mit deutschen Pferden Rennen gewinnen kann.

Nach und nach entwickelte er sich zu einem echten Spezialisten des Turfs im Nachbarland. Wenn man eine Frage zum französischen Rennsport hatte – Werner Baltromei konnte sie garantiert beantworten.

Angefangen hatte die Trainerkarriere des Verstorbenen, der auch einige Zeit als Amateur geritten hatte, 1995 mit vier Pferden auf Schloss Arff vor den Toren Kölns, der erste Sieger für den damaligen Jungtrainer war am 28. Mai Tavak, der unter An-
dreas Luce einen Ausgleich IV im Krefelder Stadtwald gewann. Nach eineinhalb Jahren dort machte Baltromei den nächsten Schritt. Sein Mentor Addi Furler half ihm beim Wechsel zum Mülheimer Raffelberg.

„Mein Ruf war damals nicht der beste, Addi Furler hat dafür gesorgt, dass ich dort eine Chance bekommen habe“, sagte Baltromei einmal rückblickend. Dass er nicht „„Everybodys Darling“ war, lag daran, dass er kein großer Diplomat, auf jeden Fall kein Ja-Sager war. Werner Baltromei sprach offen an, wenn aus seiner Sicht etwas nicht korrekt oder in Ordnung war, er war stets sachlich kritisch. Und er wehrte sich, wenn er sich ungerecht behandelt fühlte.

So kämpfte er noch im vergangenen Winter, als seine Krankheit ihn längst fest in ihrem Griff hatte, dagegen an, dass der Veranstalter des Riviera-Meetings von Cagnes-sur-Mer durchsetzen wollte, das ausländische Pferde nur noch ab einer bestimmten Handicapmarke dort laufen dürfen. Werner Baltromei setzte eigens einen Brief auf und beauftragte einen Rechtsanwalt. Mit Erfolg letztlich, von dem auch die anderen deutschen Trainer profitierten.

In Mülheim ging es nicht sofort los wie die Feuerwehr, aber Ende der 90er Jahre stellten sich die ersten größeren Erfolge ein und auch der Bestand seines Stalles wuchs nach und nach an. Erster von insgesamt 25 Listensiegern in der Karriere Werner Baltromeis war 1998 das Klassehindernispferd Wild Doc, der das C.Aug.Bunnemann-Rennen in Bremen gewann und später noch zweimal auf dem gleichen Level erfolgreich war. Wild Doc avancierte zwei Jahre später auch zum ersten von insgesamt 157 Frankreich-Siegen in Baltromeis Trainerlaufbahn.

Für einen richtigen Schub sorgte zu Beginn des neuen Jahrtausends der Einzug der Pferde des Rennstalles Gestüt Hachtsee von Reginald Graf von Norman in das Mülheimer Quartier. Die Zusammenarbeit des Mülheimer Coachs mit dem Bayerischen Gestüt wurde zu einer echten Erfolgsgeschichte.

Nun hatte Baltromei nicht nur größere Quantität, sondern auch Qualität im Stall, und nachdem man in den Jahren zuvor nur gelegentlich einen Starter in Frankreich gehabt hatte, wurde dieses Reiseziel ab der Saison 2005 immer häufiger ausgegeben. Im ersten Jahr kam Baltromei auf vier Treffer, doch das war nur die Lernphase. Denn in der Saison darauf schnappten sich die Baltromei-Galopper gleich 29 Rennen.

Obwohl er der Landessprache nicht mächtig war, hatte Werner Baltromei keine Scheu, sich auch bei seinen französischen Kollegen Tipps zu holen und zu informieren. Immer weiter wuchs sein Wissen über den Frankreich-Sport und schnell hatte er sich auch im Nachbarland einen Namen gemacht.

Baltromei war es auch, der dem vierfachen Championjockey Dominique Boeuf, der damals nicht mehr so wirklich „in“ war, zu einem echten Comeback verhalf. Ein echtes Meisterstück gelang Werner Baltromei mit dem Monsun-Sohn Le Miracle, der als siegloses Pferd in seinen Stall kam und nach einem Distanzwechsel nicht nur zum ersten Gruppesieger des Mülheimer Quartiers avancierte (Prix Gladiateur 2006), sondern ein Jahr später mit dem Prix du Cadran auch für den ersten von drei Gruppe I-Siegen des Verstorbenen sorgte.

Ein Jahr später lief es in Sachen Grupperennen für Baltromei noch besser. Innerhalb von einer Woche gelangen ihm mit der Karlshoferin Baila me im Preis von Europa und der Hachtseerin Lady Marian im Prix de l‘Opera gleich zwei Siege auf höchstem Level.

Längst hatten sich auch prominente Besitzer im Mülheimer Stall eingefunden, neben Hachtsee und Karlshof, ließen z. B. auch die Gestüte Röttgen und Höny-Hof, oder die Familie Siepmann wie auch der Stall Australia Pferde von Baltromei trainieren.

In Frankreich arbeitete Werner Baltromei neben Dominique Boeuf, der in den Jahren zu einem echten Freund wurde, besonders erfolgreich mit dem ehemaligen Amateurreiter und Turf-Agenten Alexis Doussot zusammen.

Dieser vertrat ihn häufig in Frankreich, doch versuchte Werner Baltromei so oft es ging, auch selbst vor Ort zu sein. Besonders das Meeting in Cagnes-sur-Mer, bei dem er regelmäßig mit großem Erfolg engagiert war, liebte er.

Dort wollte er in diesem Jahr noch einmal hin, aber seine Krankheit ließ die Verwirklichung dieses Wunsches nicht mehr zu. Ohnehin hatte in den letzten Monaten der Kampf gegen den Krebs sein Leben bestimmt.

Umso höher ist einzuschätzen, welche Erfolge die Baltromei-Pferde auch in der letzten Saison noch erreicht haben. So formte Werner Baltromei den High Chaparral-Sohn Tai Chi nicht nur zum Sieger im Preis des Winterfavoriten, sondern sogar zum gewinnreichsten deutschen Zweijährigen aller Zeiten.

Die besten Pferde, die Werner Baltromei trainierte, waren neben den erwähnten Le Miracle, Lady Marian, Baila me, Tai Chi und Wild Doc, Earl of Fire, Etoile Nocturne, Meliksah, King of Boxmeer, Oh la Belle, Matrix, Donatello, Soterio, Gandolfino, Jump for You, Wise Man und Glady Romana.

Der 599. und gleichzeitig letzte Sieger, den Werner Baltromei erlebte, war am Pfingstmontag in Köln die dreijährige Stute Touch of Honour. Den Sieg sah er vom Krankenbett auf dem Laptop.

„Die läuft jetzt im Listenrennen in Hamburg“ schmiedete er anschließend gleich die weiteren Pläne für die Stute. Pläne, deren Verwirklichung er leider nicht mehr miterleben kann. In Frankreich ritten alle Jockeys bei der Veranstaltung am Mittwoch in Chantilly im ersten Rennen mit Trauerflor.

(05.06.2012)