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Die unglaubliche Story von Mockingjay

Mockingjay und Team

Das Leben schreibt die schönsten Geschichten, so sagt man zumindest. Im Rennsport trifft das in ganz besonderem Maße zu. Kaum jemand, der einmal in diese Welt eingetaucht ist, kommt wieder davon los. Nicht ohne Grund. Ob Dramen, Romanzen oder Märchen, kein Drehbuchautor könnte bessere Geschichten über das Leben auf dem Turf schreiben. Eine besonders außergewöhnliche ist die von Steffi Schröder und ihrem Seriensieger Mockingjay. Im Gespräch berichtet sie, wie sie zum Rennsport kam, seinem Zauber erlag, in ihrem Pferd einen Partner fand – und auch, warum der 1. Juni ein ganz besonderes Datum für sie ist.

Lehrjahre in Hoppegarten

„Ich bin zu DDR-Zeiten, Ende der 70er Jahre, in Hoppegarten bei Herrn Gröschel in die Lehre gegangen. Damals lernte man nur zwei Jahre. Nach meiner Ausbildung bin ich bis 1988 im Rennsport geblieben, weil im August mein Sohn geboren wurde. Dadurch habe ich erstmal den Beruf gewechselt und bei der Post gearbeitet. Die Wochenarbeit im Rennsport war mit so einem kleinen Kind einfach zu schwierig war. Aber so ganz ohne ging es dann doch nicht. Als mein Sohn etwas älter war, habe ich wieder halbtags im Rennstall bei Herrn Gröschel gearbeitet. Solange, bis ich meinen Unfall hatte. Im November 1991 bin ich bei der Arbeit vom Pferd gestürzt. Seitdem sitze ich im Rollstuhl. Das hat mein Leben verändert. Ich habe dem Rennsport den Rücken gekehrt. Meine Ehe ging auch noch in die Brüche. Als mein Mann und ich uns getrennt haben, bin ich in meine Heimatstadt zurückgegangen und musste mir ein komplett neues Leben aufbauen. Vom Rennsport war da erstmal überhaupt keine Rede mehr. Genau das hatte mich ja schließlich alles gekostet.“

Aber Steffi Schröder heiratete erneut. Ihr neuer Mann war es auch, der sie zurück auf die Rennbahn brachte. Denn er schaffte es, sie dazu zu bringen, wieder einmal einen Renntag zu besuchen. Zuerst. Später überzeugte er sie auch von der Idee, ein eigenes Rennpferd zu besitzen. Lutz Pyritz, damals Trainer in Dresden, kannte Steffi Schröder schon seit ihrer Ausbildung. Bei ihm sollte das zukünftige Rennpferd auch in Training gehen. Er begleitete sie so auch nach Baden-Baden zur Herbstauktion, um sie zu beraten, und ein Pferd für sie zu finden.

Begegnung mit Mockingjay

„Mein Mann und ich sind mit Lutz Pyritz nach Baden-Baden zur Auktion gefahren, erstmal nur um uns umzusehen. Ich hatte mir zwar vorher auch einen Auktionskatalog zuschicken lassen, muss aber ehrlich sagen, dass ich nicht auf Mockingjay gekommen wäre. Überhaupt nicht. Die Pferde, die wir gerne gehabt hätten, waren dann aber einfach zu teuer und kamen deshalb nicht mehr infrage. Wir haben uns dann mit Lutz Pyritz neu beraten und beschlossen, dass er einfach ein Pferd anhand seines ersten Eindrucks im Auktionsring aussuchen und mir dann ein Zeichen geben soll, zu bieten. Ich habe zu ihm gesagt: „Lutz, wenn dir ein Pferd gefällt dann nickst du und ich biete!“ Und so war es dann auch. Mockingjay kam in den Führring. Von meinem Platz aus konnte ich ihn zuerst gar nicht sehen, aber Pyritz hat plötzlich genickt. Und dann habe ich nur noch den Arm gehoben. Ich konnte ja nicht ahnen, wie das mein Leben nochmal verändern würde.“

Der aus der Zucht des Gestüts Brümmerhof stammende Mockingjay ging dann zu Lutz Pyritz in Dresden ins Training. Steffi Schröder besuchte ihren Schützling oft auf der Rennbahn, um seine Trainingsfortschritte zu beobachten. Bis im Mai 2018 die Nachricht kam, dass Lutz Pyritz zusammengebrochen war. Eine Woche vorher hatte sie ihn noch besucht, schon da war ihr sein schlechter Gesundheitszustand nicht verborgen geblieben. Aber er versprach der tief betroffenen und besorgten Steffi Schröder, dass sie sich keine Sorgen machen müsste. Und trotzdem musste sie wenig später Abschied von ihrem guten Freund und Vertrauten nehmen: Im Alter von gerade einmal sechzig Jahren verstarb der Trainer Lutz Pyritz schließlich nach kurzer Krankheit am 1. Juni 2018. Sein Stall wurde aufgelöst und Steffi Schröder sah sich gezwungen, Mockingjay in die Obhut eines anderen Trainers zu geben. Sie tat es schweren Herzens.

Die ersten Siege

Für Frank Trobisch erreichte Mockingjay bei sechs Starts zwei Siege. Es ging etwas holprig los, beim dritten Start dann der erste Sieg in Bad Harzburg. „Aber im Oktober überstellte ich ihn dennoch zu Marco Angermann. Das war die beste Entscheidung, die ich je hätte treffen können. Er war dann in Magdeburg mit Rene Piechulek beim ersten Start unter dem neuen Trainer gleich Zweiter hinter Macan, obwohl er einen schlechten Rennverlauf hatte. Da haben wir gemerkt, dass eine Menge Potential in Mockingjay steckt. Also wollten wir ihn gezielt und schonend einsetzen. Die Zusammenarbeit mit Marco Angermann rund um das Training und auch die Auswahl der passenden Rennen funktioniert so gut, dass es kaum besser sein könnte. Die beste Distanz für Mockingjay liegt wohl bei 1600 Metern, auf keinen Fall über 2000 Meter. Wir haben dann ein Rennen in Hoppegarten gefunden, das passte. Vor dem Start haben wir schon gemerkt, dass er richtig gut drauf war. Ich habe zu meinem Mann gesagt: Wenn der Rennverlauf optimal ist, dann gewinnt er das!“

Ihre Worte wurden wahr. Mockingjay gewann beim ersten Start im Jahr 2019 in Hoppegarten. Für den Ritt wurde Wladimir Panov als Jockey verpflichtet. Steffi Schröder achtet darauf, den Reiter nicht so oft zu wechseln. Wann immer es möglich ist, sitzt Wladimir Parov im Sattel von Mockingjay. Als es um die weitere Planung ging, fand sich im Anschluss an den Berliner Sieg ein passendes Rennen in Baden-Baden am 1. Juni 2019. Der 1. Juni ist und bleibt ein besonderes Datum für die Torgauerin. In diesem Jahr wiederholte sich der Todestag ihres langjährigen Freundes Lutz Pyritz zum ersten Mal. Und wie sollte sie ihm besser gedenken als auf der Rennbahn? Da das Geläuf von Baden-Baden aber ein Linkskurs ist, sollte zunächst in Hannover probiert werden, ob Mockingjay mit diesen Bedingungen klarkommt. 

Gedanken an Lutz Pyritz

„Lutz Pyritz wurde in seinem letzten Interview, das er gegeben hat, gefragt, was er noch für Wünsche und Träume hätte. Da hat er gesagt: Ein Rennen in Baden-Baden zu gewinnen. Leider konnte er sich diesen Traum nicht mehr selbst verwirklichen. Daher war es mir so wichtig, dass Mockingjay diesen Sieg für ihn am 1. Juni ermöglicht. Wir haben mit dem Pferd darauf hingearbeitet und alles versucht, dass er an Lutz‘ erstem Todestag dort gewinnen kann. Ein besseres Andenken gibt es doch gar nicht. Mockingjay lief dann also in Hannover über 1900 Meter, um zu probieren, ob er linksherum klar kommt. Er hat dort auch wieder gewonnen. Ich muss ehrlich sagen: Damit habe ich gar nicht gerechnet, weil es ja auch über 1900 Meter ging. Es gab aber keine andere Möglichkeit mehr, um ihn auf das Rennen in Baden-Baden vorzubereiten. Ich habe dann schon Bedenken gehabt, ob es wirklich direkt noch mal mit einem Sieg klappen könnte, aber das hat es. Wir haben ihn laufen lassen und Mockingjay hat gewonnen. Ich war danach so glücklich. Egal, wie es weiter gehen sollte, alleine dafür hat sich schon alles bezahlt gemacht. Dieser Sieg war mein Ziel. Ich kannte Lutz Pyritz über vierzig Jahre lang. Dass ich ihm diesen Wunsch mit Mockingjay noch erfüllen konnte, war einer meiner schönsten Momente.“

Das Team von Marco Angermann ist auch in Hamburg weiterhin auf der Siegerstraße. Mockingjay, mittlerweile der Crack des Stalles, kam ebenfalls in Hamburg an den Ablauf. Stammjockey Wladimir Panov war leider verhindert und so wurde Bauyrzhan Murzabayev für den Ritt engagiert. Steffi Schröder berichtet, dass das für sie der nächste Glücksgriff war: Mockingjay gewann auch dieses Rennen während der Derbywoche. Wenn alles nach Plan läuft, könnte der nächste Start des Seriensiegers auf dem Düsseldorfer Grafenberg in einem Ausgleich II über 1700 Meter erfolgen (und da hat er inzwischen Sieg Nummer Fünf in diesem Jahr erreicht). Für die Besitzerin ist aber auch das Wohlergehen ihres Pferdes enorm wichtig: Nach seiner Karriere als Rennpferd ist für Mockingjay bereits ein neues Leben als Reitpferd organisiert.

„Mein Ein und Alles“

Bis dahin ist aber noch ein wenig Zeit. „Mockingjay ist mein Ein und Alles. Ich würde ihn für kein Geld der Welt hergeben, egal, was man mir anbieten würde, so verrückt das auch klingt. Seine Zukunft ist auf alle Fälle gesichert, denn dieses Pferd hat nur das Beste verdient. Er ist so dankbar und ehrlich, manchmal habe ich das Gefühl, dass er alles versteht, was wir sagen. Das Team von Marco Angermann macht aber auch einen großartigen Job und das spiegelt sich auch in den Leistungen der Pferde wider. Wenn das Team nicht gut funktioniert, kann man auch keine Rennen gewinnen. Ich fühle mich dort so wohl – und noch wichtiger, Mockingjay auch. Dort sind alle bestrebt, dass es den Pferden gut geht. Sie geben jeden Tag ihr Herzblut für die Tiere und mehr kann man einfach nicht erwarten. Ich möchte noch erwähnen, dass ich heute aber auch vor allem Herrn Baum zu großem Dank verpflichtet bin und zwar für den Verkauf von Mockingjay auf der Jährlingsauktion.“

Mockingjay scheint noch nicht am Ende seiner Leistungsfähigkeit angekommen zu sein. Man darf gespannt sein, wie die Geschichte um den dieses Jahr ungeschlagenen Soldier Hollow-Sohn und seine Besitzerin Steffi Schröder weiter geht.

(07.08.2019)