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German Jockey School: Die Schmiede für die kleinen Starkes

„Sie hat die Bügel wieder zu lang. Das habe ich ihr gestern schon erklärt“, sagt Kai Schirmann und schießt ein „Beweisfoto“. Bei der anschließenden Fotoanalyse sind Ausreden zwecklos. Kein noch so winziges Detail entgeht dem ehemaligen Jockey, der es in seiner Laufbahn auf 196 Siege brachte. Wir sind zu Besuch im Weidenpescher Park, in der German Jockey School, und sitzen gemeinsam mit Kai Schirmann, dem Leiter der Schule, sowie vier Schülern in den Räumlichkeiten der Anlage. Anhand der gemachten Fotos zeigt Schirmann seinen Schülern Fehler auf, gibt Tipps und Hilfen. Es geht um den richtigen Sitz, die Haltung der Füße und in welche Hand die Peitsche auf einem Rechtskurs, wie Köln einer ist, gehört. „Ich möchte, dass meine Schüler die Kritik berücksichtigen und es am nächsten Tag besser machen“, so Schirmann. Viel Zeit hat er dabei nicht zur Verfügung. Gerademal eine Woche besuchen die Auszubildenden die Schule. Sie kommen aus den Quartieren der Trainer, bei denen sie zum Pferdewirt mit Schwerpunkt Rennreiten ausgebildet werden. Kurz vor oder nach der Zwischenprüfung, in der die Rennordnung abgefragt wird, werden sie in Köln auf ihr reiterliches Können hin geprüft. Seit zehn Jahren gibt es die Schule jetzt. Angefangen hat alles im Jahr 2003 an den Stallungen von Ralf Suerland, 2006 ging es dann zu Andreas Trybuhl. Köln wurde damals als Standort ausgewählt, weil die meisten Auszubildenden aus Nordrhein-Westfalen kommen. Kai Schirmann ist ebenfalls seit 2006 dabei, ein Jahr später wechselte man zu Peter Schiergen. Der Tagesablauf der Teilnehmer ist dabei fest reguliert. Um viertel nach sechs trifft man sich an der Schule, eine halbe Stunde darauf sattelt man zum ersten Mal, dann werden in der Folge vier Lots geritten. „Da sieht man dann schon mal, wer Kondition hat und wer nicht. Ich hatte schon Schüler, die mir sagten sie würden beim Trainer sechs Lots reiten und sind nach dem zweiten Lot hier fast vor Pferd gefallen“, so Schirmann. Nachdem die Pferde versorgt wurden, kommt die bereits erwähnte Fotoanalyse, bevor es später am Tag noch auf das elektrische Pferd geht. Hier kann noch einmal gezielt geübt werden, auf was es ankommt. „Vor allem der richtige Peitscheneinsatz ist ihr Gegenstand der Übung. Man darf in Deutschland den Stock nur fünfmal einsetzen. Wir versuchen den Schülern dafür das Gefühl zu geben“, erklärt Schirmann. „Der Vorteil am elektrischen Pferd ist, dass es nichts spürt“, scherzt er. Aber auch die Haltung auf dem Pferd können die Lehrer, Kai Schirmann wird hierbei von Peter Heugl unterstützt, direkt korrigieren, damit es auf dem lebenden Pferd leichter von der Hand geht. Hier bekommen die angehenden Jockeys Unterstützung von den Profis. „Ab und zu schauen Jockeys wie Andreas Helfenbein, Daniele Porcu, Andrasch Starke und Eduardo Pedroza vorbei und geben Tipps“, verrät Schirmann. Aber auch Notwendigkeiten abseits des Sports sollen den Schülern näher gebracht werden. „Toni Zimmermann kommt in der Woche zu uns und klärt die Schüler in Versicherungsdingen auf. Was brauche ich, was muss in der Versicherung drin stehen? Das sind nicht unbedingt die Dinge mit denen sich unsere Schüler beschäftigen“, sagt Schirmann. „Durchgefallen ist in diesem Jahr noch keiner und auch bei den Schülern jetzt bin ich sehr zuversichtlich“, so der Lehrer. „Daran haben auch die Trainer einen großen Verdienst, die die Schüler in guter Gesamtverfassung zu uns schicken.“ Läuft alles nach Plan, dann erhalten die Auszubildenden am Ende der Schulwoche, in der sie ihre Fähigkeiten im Rennsattel unter Beweis gestellt haben, die Erlaubnis Rennen zu reiten. Unterstütz wird Kai Schirmann dabei von einem prominenten Team. Peter Schiergen und Andrasch Starke helfen ihm bei der Beurteilung und seine Schüler schauen sich beim deutschen Champion Jockey gerne das ein oder andere ab. Den praktischen Teil, also das Reiten, absolvieren die Schüler am Asterblüte Stall. Peter Schiergen stellt die Pferde zur Verfügung. „Alle Pferde können von den Schülern geritten werden. Sie sind alle top trainiert und auf solchen Pferden lässt es sich dann gut lernen“, sagt Schirmann, der seine aktive Laufbahn nach zwei schweren Verletzungen 1993 beenden musste. Dazu nimmt sich der Asterblüte-Chef auch unter der Woche Zeit für den Nachwuchs. Jeden Donnerstag geht er mit den Schülern an die Startmaschine. „Es ist sehr wichtig und hilfreich für unsere Schüler, dass Peter ihnen hilft und ihnen gewisse Sachen erklärt.“ Bei unserem Besuch absolvieren gerade Florian Pehl (Peter Schiergen), Bastian Neuhaus, Michelle Page (beide Andreas Wöhler) und Jessica Brand (Michael Figge) den Kurs. Dass sie alle reiten können, dafür sind ihre Ausbilder verantwortlich. Schirmann und der Jockey-Schule geht es darum kleinere oder auch größere Defizite auszumergeln. „Für eine gezielte Förderung ist eine kleine Gruppe besser geeignet, weswegen wir die Teilnehmerzahl auf Vier pro Lehrgang beschränkt haben“, erklärt Kai Schirmann. Aus dem Vollen schöpfen kann er aber nicht. Es ist gerade mal der fünfte Lehrgang in diesem Jahr und nach dem jetzigen Stand der Dinge wohl auch der letzte. „Es mangelt uns ganz klar an Nachwuchs“, bemängelt er. „Dieser Beruf erfordert ein unheimliches Maß an Disziplin. Viele Jugendliche sind nicht mehr bereit diese aufzubringen. Dazu kommt, dass die Jugendlichen, gerade die Jungs, immer größer und somit auch schwerer werden, was einen Einstieg in den Profi-Sport nicht möglich macht.“ Gerade an männlichem Nachwuchs mangelt es dem Sport und die Mädchen haben es auch nicht gerade leicht. „Sie haben es in dieser Männerdomäne schwer, sich Respekt und Anerkennung zu verschaffen“, so Schirmann. Um möglichen Nachwuchs für den Sport zu begeistern und zu akquirieren stellt man das elektrische Pferd auch auf den Rennbahnen auf. „Da können sich Kinder und Jugendlich draufsetzten und es einmal ausprobieren“, sagt Schirmann, der hauptberuflich als Rettungssanitäter arbeitet und durch den Job als Leiter der Jockeyschule in der glücklichen Lage ist „Kontakt zum Sport zu halten.“ Die German Racing School ist Teil der European Association of Racing Schools (EARS). Neben Deutschland sind Frankreich, Italien, Irland und die British Racing Schools in Newmarket und Doncaster der EARS angeschlossen. Der Austausch mit den europäischen Ausbildungszentren ist rege, auch wenn die Bestimmungen in den einzelnen Ländern unterschiedlich sind. Seit 2012 findet in Abu Dhabi im Zuge der H.H. Sheikha Fatima Bint Mubarak Ladies World Championship ein Ausbildungsrennen statt. Hierzu entsendet jedes Land einen Teilnehmer. Für Deutschland wird am 10. November Bayarsaikhan Ganbat in den Sattel steigen und gegen Jockeys aus aller Welt antreten. In Doncaster findet schon am 26. Oktober ein ähnliches Rennen statt. Grundvoraussetzung für die Teilnahme ist, dass man mindestens drei, aber höchstens 20 Erfolge auf der Habenseite hat wodurch eine gewisse Chancengleichheit bestehen soll. „Im nächsten Jahr ist Deutschland an der Reihe, dann wir in Hannover mit Unterstützung von Gregor Baum ein solches Rennen abgehalten“, so verrät Kai Schirmann, der sich dann wieder in Richtung der Schulungsräume aufmacht, denn noch ein Vorteil des elektrischen Pferdes ist, das es nicht müde wird.

(24.09.2013)