Das milchbubihafte Gesicht ist ebenso verschwunden wie die erste Euphorie über anfängliche Erfolge im Rennsattel. Benjamin Clös ist auf dem harten Boden der Tatsachen im Galopprennsport gelandet. Das Problem, welches sich dem vor vier Jahren aus Hessen nach Köln übergesiedelten jungen Mann stellt, ist simpel: Er bekommt keine Ritte mehr und gerät langsam aber sicher bei Jedermann in Vergessenheit.
“Nach Beendigung meiner Lehre am Schütz-Stall war es Zeit für einen Wechsel. Ich hatte das Gefühl, mal was Neues ausprobieren zu müssen. Dort wäre ich immer der Lehrling geblieben”, begründet Clös seine Entscheidung zu Hans Albert Blume nach Heumar gegangen zu sein und verweist darauf, dass auch Andrasch Starke dem Schütz-Quartier bereits einmal den Rücken kehrte.
Ein neues Kapitel des Jockeys Clös soll in Heumar aufgeschlagen werden. Bei Blume reitet Benjamin Clös nun schon seit vier Monaten aus, nach einem kurzen Intermezzo bei Andreas Trybuhl ist er dort gelandet. “Ich habe ganz einfach einen großen, renommierten Rennstall gesucht, in dem ich auch meine Chancen bekommen kann. Andrasch Starke und Lennart Hammer-Hansen reiten zwar auch für diesen Stall, doch sind diese oft an ihre jeweiligen Engagements gebunden. Außerdem kann ich ohne weiteres 52 Kilogramm reiten, nach Absprache auch darunter”, gibt Clös zu verstehen.
Hans Albert Blume hat bereits gute Erinnerungen an den Reiter. Clös gewann für sein Quartier im letzten Jahr schon zwei Rennen, den Ebbesloher Zweijährigen Arc en Ciel führte er genauso zum Sieg wie Syrakus in einem Altersgewichtsrennen in Bremen. Der Röttgener sollte später im Jahr noch zwei hoch dotierte Prüfungen in Italien gewinnen.
“Benjamin Clös hat sich gut hier eingelebt, macht seine Arbeit wirklich ordentlich. Als Leichtgewichtsreiter ist er sicher eine zu beachtende Alternative”, sagt Blume über Clös. Da die Sandbahnzeit aber bekanntlich nicht gerade die Zeit der Blume-Pferde ist, wird es wohl noch mindestens bis zum Beginn der Turfsaison dauern, bis Benjamin Clös wieder im Rennen in den Sattel steigen wird.
“Nach einer kleinen Auszeit zum Ende des letzten Jahres, ich war krank, bin ich jetzt schon wieder topfit. Ich treibe viel Sport, lege großen Wert auf Fitness. Auf dem Elektropferd habe ich ständig trainiert. Ich will in der nächsten Zeit wieder angreifen”, gibt sich der junge Jockey kämpferisch und der Zukunft gegenüber durchaus positiv gestimmt.
Als nach den ersten Erfolgen reges Interesse an dem Nachwuchsmann mitsamt seiner Gewichtserlaubnis bekundet wurde, übernahm Jens Hirschberger, Assistenz-Trainer von Andreas Schütz, das Management. “In Absprache mit Andreas Schütz habe ich mich um Benjamin gekümmert, alles für ihn koordiniert, da viel nachgefragt wurde. Mit Ende der Zeit bei uns am Stall wollte er das nicht mehr, das habe ich natürlich akzeptiert, wenngleich nicht ganz nachvollzogen. Er ist ein großes Talent, hat sich aber bislang nicht richtig weiter entwickelt”, so Hirschberger, der es bedauert, dass Clös seine Dienste nicht mehr wahrnehmen wollte, denn “in der Zeit, wo es nicht mehr so rund lief, hätte ich ihm mit Sicherheit auch zwei, drei Ritte am Renntag vermitteln können.”
Doch Clös wollte es anders. Er nahm sein Schicksal in die eigene Hand und beendete die Zusammenarbeit mit Jens Hirschberger, der mittlerweile für 10 Jockeys als Manager verantwortlich zeichnet. “Mir wurde gesagt, dass alle großen Jockeys keinen Manager haben, also habe ich es so versucht. In der ersten Zeit klappte alles auch recht gut, ich hatte den Wochenrennkalender und einen Computer, kümmerte mich mit Erfolg um chancenreiche Ritte”, sagt Clös. Aber mit der Zeit wurde es dann deutlich schwerer.
Seit dem 13.Juli des letzten Jahres kann sich Benjamin Clös Jockey nennen. Das ist der Tag, an dem er seinen 50. Sieg im Rennsattel feierte. Schauplatz war die Kölner Rennbahn, für Dragan Ilic punktete Clös mit Sing a Song in einem unteren Ausgleich. Insgesamt kann einem aber wohl kaum nach Jubel zumute sein, wenn man sich Clös’ Bilanz ab diesem Tag bis heute näher anschaut. Paradoxerweise bekam er als Jockey wesentlich weniger Ritte als noch zuvor. Das ist sicher auf die fehlende Gewichtserlaubnis zurückzuführen.
“Viele Besitzer schielten auf die Kilos und überlegten nach dem Wegfall dann zweimal, ob sie mich buchen sollten”, heißt es, “dabei habe ich vorher oft genug bewiesen, dass ich auch ohne Erlaubnis reiten kann.” Das war auch im 5. Hallenser Auktionsrennen der Fall. Benjamin Clös gewann auf dem von Horst Steinmetz vorbereiteten Major Blade das Nationale Listenrennen am Reformationstag. Es ist bis heute sein größter Erfolg, und das ohne Erlaubnis.
Doch der Zuspruch von den Besitzern fehlt momentan, auch auf Annoncen war die Resonanz mehr als dürftig. Doch damit soll jetzt Schluss sein. Der häufig aufkeimenden Kritik, dass er sich nicht weiter entwickelt habe, steht er recht offen gegenüber: “Wie soll ich mich als Jockey verbessern und reifen, wenn ich keine Rennen reite?”, lautet die Gegenfrage. “Ohne die Pferde geht es einfach nicht. Ich liebe diesen Beruf, nehme alle Risiken in Kauf. Ich will unbedingt wieder auf die Beine kommen.”
Natürlich macht sich ein Jockey Gedanken, wenn es von einem Moment auf den anderen nicht mehr läuft, um im Fall Clös zu bleiben, Stillstand einsetzt. “Ich verstehe es wirklich nicht. Vielleicht hat das über Mundpropaganda solche Ausmaße angenommen”, versucht sich Clös seine prekäre Lage zu erklären.
Der erste Sieg ist immer ein ganz besonderes Ereignis, das war auch bei Benjamin Clös nicht anders. Ende Mai 2001 war es für ihn soweit. Für Andreas Schütz ritt er Betsy Girl in Neuss zum Erfolg. “Das war schon etwas ganz Besonderes für mich. Ich hatte gerade meinen eigenen Sattel bekommen, wusste noch nicht genau, wie alles abläuft. Norman Richter kam mir zur Hilfe, als ich Probleme mit den Bleiplatten hatte. Schließlich habe ich seinen Sattel genommen. Und im Rennen hat alles wunderbar geklappt. Aus dritter, nicht aus zweiter und nicht aus vierter Position, hatte ich einen einwandfreien Rennverlauf und kam leicht nach Hause”, schwelgt Clös in Erinnerungen.
An diese Erlebnisse möchte er jetzt anknüpfen, ist auch einem Ortswechsel nicht mehr gänzlich abgeneigt. “Natürlich ist es in Westdeutschland am lukrativsten. Aber hier ist auch der Konkurrenzkampf um die Ritte am größten. Ehe ich gar keine Rennen mehr reite, und das ist seit dem 15. Dezember 2002 der Fall, wechsle ich nach München oder Ostdeutschland.” Cesare Tessarin versuchte das bereits vor zwölf Monaten. Das Ergebnis ist bekannt, nach einem halben Jahr verließ Tessarin den Rölke-Stall in Hoppegarten wieder.
Derzeit ist Benjamin Clös in Köln-Heumar doch etwas isoliert. Das Rennsportgeschehen verläuft an ihm vorbei, auch Rennbahnbesuche konnten dem noch kein Ende bereiten. “Ich hab mich wieder auf der Rennbahn sehen lassen, einige Leute getroffen. Wenn du erstmal ein paar Monate nicht da warst, ist es schwer. Das Sprichwort „aus den Augen aus dem Sinn“ trifft im Rennsport in besonderem Maße zu”, erklärt er. “Wer weiß, was die Zukunft noch bringt”, lautet das Schlusswort eines Mannes, der in seiner noch sehr jungen Karriere bereits eine bemerkenswerte Achterbahnfahrt hinter sich hat. Vielleicht steht er in einem halben Jahr wieder ganz oben, das kann im Sport bekanntermaßen ganz schnell gehen.