Interview/Jockey Talks

Mit U. Ostmann

GaloppOnline.de: Wie fühlt man sich, wenn man morgens nicht mehr in den Stall muss?

Uwe Ostmann: Noch werde ich wach wie immer. Alles ist noch zu nahe dran.

GaloppOnline.de: Das Gerücht kursierte ja schon seit dem Spätsommer, dass womöglich Jens Hirschberger ihr Nachfolger werden würde, kam das alles für Sie auch etwas überraschend?

Uwe Ostmann: Zunächst einmal ist es ja eine Tatsache, dass ich 72 Jahre alt bin und somit das Rentenalter bereits seit sieben Jahren überschritten habe. Da ist es doch keine Frage, dass man irgendwann den Hut nimmt. Wir hatten allerdings gedacht, dass Marcel Weiss nach bestandener Trainerprüfung als Nachfolger für mich sozusagen eingearbeitet werden würde. Dann hätte sich mein Abschied aus dem Diana-Stall noch etwas verzögert.

GaloppOnline.de: Dann war plötzlich Jens Hirschberger auf dem Markt?

Uwe Ostmann: Wenn Sie es so ausdrücken wollen, ja. Es ist sicherlich auch ein Vorteil, dass sich Jens Hirschberger und Marcel Weiss gut kennen. Als Heinz Jentzsch Ende der neunziger Jahre damals als Privattrainer für Ittlingen im Diana-Stall II tätig war, arbeiteten dort Jens Hirschberger als Futtermeister und Marcel Weiss als Reisefuttermeister. Ich habe in Jens Hirschberger vollstes Vertrauen.

GaloppOnline.de: Es heißt stets, der Ausgeschiedene bleibt dem Stall verbunden, ist jederzeit willkommen. Doch in Wirklichkeit will man wohl gar nicht seinem Nachfolger mit guten Ratschlägen auf die Nerven gehen. Wie werden Sie dies machen?

Uwe Ostmann: Ich werde sicherlich im Stall mit Jens Hirschberger noch das eine oder andere Gespräch führen. Wir werden uns zum Beispiel auch über die familieren Hintergründe einiger Pferde unterhalten. Das halte ich für ganz wichtig, dass man darüber im Bilde ist. Vielleicht kann ich da noch den einen oder anderen Tipp geben.

GaloppOnline.de: Kürzlich waren die Nennungen für Derby, Mehl-Mülhens-Rennen und Henkel Preis der Diana fällig. Haben Sie diese getätigt?

Uwe Ostmann: Ja.

GaloppOnline.de: Wieviele Pferde betreut Jens Hirschberger aktuell?

Uwe Ostmann: 46, aber es sieht danach aus, dass im Diana-Stall in Zukunft wieder an die 60 Pferde trainiert werden. Es ist ein Public-Stall, jeder kann dort sein Pferd trainieren lassen.

GaloppOnline.de: Ihr Übergang in den Ruhestand folgt gerade in der Wintersaison, in der in Deutschland der Rennsport auf Sparflamme kocht. Doch wie wird es im Frühjahr aussehen, wenn die großen Rennen losgehen. Werden wir Uwe Ostmann mit seiner Ehefrau Ursula auf der Rennbahn sehen?

Uwe Ostmann: Also zunächst einmal ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, dass ich weiterhin die Sport-Welt beziehe und das ganze Rennsportgeschehen verfolgen werde. Wie oft und zu welchen Rennen ich fahre, das kann ich jetzt noch nicht sagen. Aber eins kann ich Ihnen mit Gewissheit sagen: Die großen Hindernisrenntage in Auteuil, die werde ich mit meiner Frau besuchen. Auf die Paris-Reisen freue ich mich sehr.

GaloppOnline.de: Gibt es ein Hobby, für das Sie nun so richtig Zeit hätten?

Der Beruf war mein Hobby. Man hatte gar keine Möglichkeit, ein Uwe Ostmann: zeitintensiveres Hobby nachzugehen. Aber eine Sache, die möchte ich in Zukunft doch noch gerne machen.

GaloppOnline.de: Das wäre?

Uwe Ostmann: Fahrrad fahren. Ich war in meiner Jugend in einem Radrennverein, habe sogar einige Rennen gefahren. Als ich dann zum Rennsport kam, habe ich damit natürlich aufgehört. Leider auch mit dem Fahrrad fahren überhaupt. Nun habe ich mir letzte Tage ein Fahrrad geliehen, ich wollte sehen, ob es noch geht.

GaloppOnline.de: Aber Sie sind doch noch fit und schlank. Dass der Rennsport jung hält, dafür sind Sie doch das beste Beispiel?

Uwe Ostmann: So, nun habe ich also ein paar Runden hier gedreht und offenbar muss man das mitbekommen haben. Jedenfalls, als ich mich mit meiner Frau im Stall vor einigen Tagen verabschiedete, schenkte man mir zur Erinnerung tatsächlich ein neues, ganz tolles Fahrrad. Ich war wirklich gerührt, wollte es gar nicht annehmen. Doch nach der Probefahrt meinte man, nun müsste ich es nehmen. Ich freue mich nun auf die Radtouren. In Mülheim gibt es ein tolles Netz von Radwanderwegen, zum Beispiel bis zum Essener Baldeneysee.

GaloppOnline.de: Wie würden Sie reagieren, wenn Sie morgen einen Anruf erhalten und man Ihnen das Training von 25 bis 30 Pferden anbieten würde?

Uwe Ostmann: Es käme auf das Angebot an.

GaloppOnline.de: Also nicht grundsätzlich nein?

Uwe Ostmann: Grundsätzlich nicht nein, aber wie gesagt, es käme schon auf das Angebot an.

GaloppOnline.de: Könnte es in Zukunft einen Besitzer oder Züchter Uwe Ostmann geben?

Uwe Ostmann: Warum nicht, aber sicher erst mit etwas zeitlichem Abstand.

GaloppOnline.de: Angenommen, Sie wären im Besitz einer Mutterstute. Zu welchem Hengst würden Sie die Stute zur Bedeckung schicken?

Uwe Ostmann: Das klingt jetzt vielleicht kurios oder unprofessionell, aber ich würde die Stute nach Irland zu einem für den Hindernissport tätigen Deckhengst schicken, zu Doyen.

GaloppOnline.de: Der stand ein paar Jahre im Gestüt Auenquelle, dann holte ihn Sheikh Mohammed wieder nach England zurück. Das war sicher schade?

Uwe Ostmann: Ganz schade sogar. Er war gepachtet und das Ziel war, dass er nach einigen erfolgreichen Jahren wieder zurück sollte und Auenquelle dann im Tausch einen neuen Darley-Deckhengst bekäme. Ich kann nur sagen, dass Doyen für mich die besten Produkte von Müttern aus Auenqueller Blutlinien machte, auch wenn diese zuvor von zum Beispiel Big Shuffle oder Dashing Blade stammten. Das trifft auch auf die Mutterstuten von Frau Herberts zu.

GaloppOnline.de: Kommen wir auf Ihre Trainerlaufbahn zu sprechen. Vom ostwestfälischen Herzebrock aus entsandten Sie so manchen Sieger, größere Ställe wurden aufmerksam und schließlich erfolgte Mitte der achtziger Jahre der Umzug in den Mülheimer Diana-Stall. Das war sicherlich der wichtigste Einschnitt in Ihrer Trainerlaufbahn?

Uwe Ostmann: Ganz klar, ja. So schön die Jahre in Herzbrock waren, aber von nun an gab es eine andere Qualität und auch die Anzahl der Pferde, die ich nun betreute, hatte sich immens gesteigert. Der Erfolg blieb auch nicht aus. Oft waren wir mit der Siegzahl ganz nahe an den 100 Erfolgen dran, ein Mal sogar darüber. Aber es hat dennoch nicht zu einem Championat gereicht, ich wurde nur Zweiter.

GaloppOnline.de: Ihr erster Gruppe-Sieg gelang Ihnen noch in Herzebrock?

Uwe Ostmann: Genau, es war Grimpola, die das klassische Schwarzgold-Rennen in Düsseldorf gewann. Der Diana-Stall war aber zu diesem Zeitpunkt bereits im Bau. Die erste Gruppe-Siegerin aus dem Diana-Stall war Walter Vischers Prairie Neba, die auch das St. Leger gewann. Mit ihrer Verwandten Prairie Venus habe ich später auch zwei Gruppe-Rennen gewonnen.

GaloppOnline.de: Aus zeitlicher Sicht nähern wir uns somit bereits dem Derby-Sieg von Luigi. Er schlug in Hamburg Alte Zeit, die sie zweijährig in Training hatten. Das war somit ein kleiner Racheakt von Ihnen?

Uwe Ostmann: Wenn Sie es so sagen, bitte schön. Aber das Ganze war schon bitter, als man mir Alte Zeit, nachdem ich mit ihr zweijährig Berberis-Rennen und Preis der Winterkönigin gewonnen hatte, über Winter aus dem Training genommen hatte. Sie galt als große klassische Hoffnung.

GaloppOnline.de: Mit welcher Begründung hat man Alte Zeit aus dem Stall genommen ?

Uwe Ostmann: Zur damaligen Zeit war Olaf Schick mein Stalljockey. Man begründete den Quartierwechsel damit, dass man ihn als Jockey für die großen Rennen noch nicht für gut genug befand. Was natürlich blödsinn war, denn Olaf hatte an unserem Stall eine ganz tolle Entwicklung durchlaufen. Er war als „Nobody“ zu uns gekommen und steigerte sich in kürzester Zeit ganz enorm. Er war ein Jockey, der nur ganz wenige Fehler machte und holte auch im Finish oft die Kastanien aus dem Feuer.

GaloppOnline.de: Alte Zeit kam zu Hein Bollow in Training und gewann dreijährig beide Stutenklassiker. Dann wurde sie mit Peter Remmert im Sattel im Derby knapp von Luigi geschlagen. Auf dem saß aber nicht Olaf Schick, sondern Walter Swinburn.

Uwe Ostmann: Das tat mir sehr Leid für Olaf, er war nach der dummen „Schinkenaffäre“ gesperrt. Er hatte ja stets auf Luigi gesessen.

GaloppOnline.de: War Luigi das beste Pferd, das Sie trainiert haben?

Uwe Ostmann: Ich will das so nicht sagen. Es ist schwer, Pferde aus verschiedenen Jahrgängen zu vergleichen. Fest steht, dass Luigi ein stark besetztes Derby gewann und in der Tat ein ganz reelles Gruppe-I-Pferd war. Er hatte aber ein Problem, das waren seine weichen Knochen. Nach dem Derby kam er dreijährig nicht mehr an den Start, ich habe ihn erst vierjährig Ende April im Kölner Gerling-Preis wieder aufbieten können. Aber er konnte in Köln gleich gewinnen, es waren sogar mehrere Scheich-Pferde am Start. Das war eine grandiose Leistung. In der Zucht hat er dann leider keine Spuren hinterlassen.

GaloppOnline.de: Ihre weiteren Gruppe I-Sieger waren Turfkönig, Hollywood Dream und Gonbarda. Die beiden letztgenannten Stuten waren jeweils zweimal auf höchstem Gruppe-Level erfolgreich. Wenn man bedenkt, dass Sie auf 67 Gruppe-Siege kommen, dann ist die Anzahl der Gruppe-I-Erfolge doch eher etwas ernüchternd?

Uwe Ostmann: Daran kann man sehen, wie schwer es ist, ein Gruppe I-Rennen zu gewinnen. Es gibt halt diese Ausnahmekönner, die gleich eine ganz Anzahl von Gruppe I-Rennen gewinnen können, wie zum Beispiel Acatenango, Mondrian oder Lando.

GaloppOnline.de: Wer war denn die bessere Stute, Hollywood Dream oder Gonbarda?

Uwe Ostmann: Auch hier möchte ich mich nicht festlegen, Hollywood Dream gewann in Rom und Düsseldorf gegen große internationale Konkurrenz. Gonbarda siegte dreijährig in zwei Gruppe I-Rennen, beide vertraten außergewöhnliche Klasse. Während Hollywood Dream als Mutterstute kaum so einschlug wie erwartet, scheint sich Gonbarda für Sheikh Mohammed zu einer richtig guten Mutterstute zu entwickeln. Ihr dreijähriger Pivotal-Sohn Farhh vertritt Gruppe I-Format, war ein Mal nur von Frankel geschlagen.

GaloppOnline.de: Zu Turfkönig. Das war sicherlich auch ein ganz spezielles Pferd in Ihrer Trainerlaufbahn?

Uwe Ostmann: Vor allem ein richtig gutes Rennpferd. Er hat den Grossen Dallmayr-Preis-Bayerisches Zuchtrennen, das schon damals als Gruppe I-Prüfung entschieden wurde, in Rekordzeit gegen Dashing Blade gewonnen. Wenn wir hier von sehr guten Pferden sprechen, dann möchte ich auch gleich Oriental Tiger erwähnen. Er hat den Gerling-Preis in Rekordzeit und völlig unangefasst gewonnen. Aber ich war in der glücklichen Lage, wirklich sehr viele großartige Pferde trainieren zu dürfen. Sie alle hier aufzuführen, würde den Rahmen sprengen. Sehr gute Stuten und Gruppe-Siegerinnen waren auch Arastou und Anno Luce, die leider mit Wurftaube in einem Jahrgang waren.

GaloppOnline.de: Anno Luce haben Sie für Sheikh Mohammed trainiert?

Uwe Ostmann: Das war eine recht kurze, aber höchst interessante Zeit. Es war auch das erste und einzige Mal, dass ich mit einem Manager zusammengearbeitet habe. Meistens hatte ich Kontakt mit Anthony Stroud, der sich auch in Mülheim das Training ansah. Er verstand enorm viel von der Sache und es gab keinerlei Probleme. Ansonsten hatte ich das Glück, dass sich sehr wenige Besitzer in meine Arbeit eingemischt haben.

GaloppOnline.de: Ich möchte noch einmal auf Ihre Stalljockeys zu sprechen kommen. Wer war der Beste?

Uwe Ostmann: Die erfolgreichste Zeit hatte ich mit Georg Bocskai, er war auch der Beste. Neben Olaf Schick, über den wir ja gesprochen haben, war auch Andreas Helfenbein ein ähnlicher Fall. Ihn kannte praktisch keiner, aber er hat seine Chancen glänzend zu nutzen gewusst. Bei ihm hatte ich immer das Gefühl, er wusste genau, wo der Pfosten steht. Aktuell sieht es ja leider so aus, dass die Anzahl der wirklichen Spitzenjockeys sehr gering ist. Aus dem Nachwuchs kommt auch wenig. Mich freut es, wie Martin Seidl seinen Weg macht.

GaloppOnline.de: Nicht nur Spitzenjockeys sind rar, auch die Spitzenpferde hierzulande. Wie sehen Sie dies?

Uwe Ostmann: Mit großer Sorge. In den letzten Jahren trennen sich die Besitzer viel schneller von ihren Spitzenpferden als früher. Das wird sich in einigen Jahren spürbar negativ auswirken. Es wird in Zukunft für die Rennvereine immer schwieriger, die Top-Rennen mit einer ausreichenden Besetzung anzubieten. Auch der große Ausverkauf der Spitzenstuten wird uns eines Tages zu schaffen machen. Noch aber haben wir weltweit, was die deutsche Vollblutzucht angeht, den großen Namen „Made in Germany“.

GaloppOnline.de: Wie ist der Diana-Stall für die kommende Dreijährigen-Saison aufgestellt?

Uwe Ostmann: Gut. Ich bin überzeugt, dass einige Pferde im Stall sind, die das Talent besitzen, auch in den großen Prüfungen mitzumischen. Anatol Artist hat als Zweiter im Preis des Winterfavoriten gezeigt, was er kann. Sein nächster Start im Herzog von Ratibor-Rennen ist völlig zu streichen. Als er ansetzen wollte, wurde ihm der Weg komplett versperrt. Er ist auch mental noch nicht ausgereift. Auf Steherdistanzen sehe ich in Vif Monsieur ein sehr hoffnungsvolles Pferd. Unter den Stuten haben sich Viletta und Oriental Lady bereits profiliert. Bei den älteren Pferden vertritt Global Thrill mit Sicherheit Listenklasse. Leider wurde solch ein gutes Pferd wie Auenturm, der am Sonntag in Hong Kong im Cup läuft, verkauft, ansonsten hätte die Auenqueller Bilanz 2012 noch besser ausgesehen.

GaloppOnline.de: Wir sitzen hier auf der Mülheimer Bahn, 2013 werden nur drei Renntage entschieden. Ist das das schleichende Aus?

Uwe Ostmann: Nein, das glaube ich nicht. Man erhält bei lediglich drei Renntagen zwar kein Geld mehr aus dem Spiel-77-Topf, aber auch diese Gelder haben nicht gereicht, um die Renntage zu decken. So ist man wieder auf drei Renntage heruntergefahren und ich bin sicher, dass man dies auch in den kommenden Jahren so halten wird. Die Golfanlage besteht mittlerweile aus 18 Löchern, man hat das Gelände über die Rennbahn hinaus erweitert. Von daher kommt auch kein Druck mehr auf den Veranstalter.

GaloppOnline.de: Zwei Fragen fehlen an dieser Stelle sicherlich noch. Die nach dem schönsten und dem bittersten Moment, die Sie im Rennsport erlebt haben?

Uwe Ostmann: Natürlich war der Derby-Sieg eine herausragende Sache, aber zu den schönsten Momenten, die ich erlebt habe, zählt eine Siegerehrung, die ich in solch einer Art vorher und nachher nicht mehr erlebt habe. Es war nach dem Erfolg der Ittlingerin Aragosta im Ludwig-Goebels-Erinnerungs-Rennen. Wir saßen anschließend noch lange mit Besitzer, Jockey und Freunden in den Logen der Krefelder Galopprennbahn. Es wurde gelacht und gesungen, das Catering mit der italienischen Küche hatte alle Hände voll zu tun. Solche Feiern gibt es leider heute nicht mehr, man verliert sich auch nach Siegen an einem Renntag recht schnell aus den Augen. Natürlich gab es auch größere Enttäuschungen in meinem rennsportlichen Leben. Aber vor einer, die ich an dieser Stelle erwähnen sollte, blieb ich Gott sei Dank verschont.

(13.12.2012)