STORY NOVELLIST

‚Den Galopprennsport vergleiche ich mit einer großen Theaterbühne. Hier werden Lustspiele, Einakter, Stummfilme, kleine Dramen, aber auch große Dramen aufgeführt. Teils sind die Akteure begabte Spieler, teilweise weniger talentiert. Und da sie gleichzeitig Regie führen, kann das Publikum das Ganze sowohl als trauriges oder bestenfalls komisches Durcheinander besichtigen als auch als glorreiche Auferstehungsszene oder famose Heldentat feiern. Je nach Umständen und Perspektive.

Vor allem aber ist der Rennsport die große Charakterschule, durch die wir alle hindurch müssen. Wer nicht gelernt hat zu verlieren, wer im Leben immer oder überwiegend erfolgreich war, der ist bei uns genau richtig! Denn hier erlernt er eines: Das Verlieren! Und das ist wichtig, damit man manches wieder erlernt, das auf so mancher Erfolgsbahn vielleicht auf der Strecke geblieben ist: Dankbarkeit, Demut, Bescheidenheit, sich-freuen-Können, sich-für-andere-freuen-Können, Hilfsbereitschaft und so weiter.

Die große Lernhilfe in der Charakterschule Rennsport ist das zwar abwechslungsreiche, aber von den Betroffenen nicht immer als angenehm empfundene Wechselspiel von Licht und Schatten. Als ich Anfang Mai die Langzeitwettmärkte für das Deutsche Derby 2013 studierte, rangierten meine drei Dreijährigen Ay No Digas (W. Hickst), Protectionist und Nuntius (beide A. Wöhler) unter den Top Fünf des Wettmarktes. Dieses Jahr konnte es nach der Logik des Marktes kaum ein Verlieren geben. Bekanntlich kam alles anders.

Ay No Digas ist Lungenbluter, geht nun zu Christophe Clement nach New York, wo er mit dem Entwässerungsmittel Lasix laufen kann. Hier in Deutschland wäre dieser hochtalentierte, wunderschöne Hengst allenfalls noch im Dressursport zu gebrauchen. Nuntius, der bis zur Union der Derbyfavorit war, hat einen Schaden am Meniskus. Protectionist zog sich bei einem Zusammenstoß mit einem anderen Pferd einen Griffelbeinbruch zu.

Das nennt man einen hundertprozentigen Totalschaden im Hinblick auf die einstigen großen Hoffnungsträger, wobei jedoch Hoffnung besteht, dass Nuntius und Protectionist im kommenden Jahr wieder an den Start kommen.

Die vergangene Woche brachte das Wechselspiel von Licht und Schatten dann zur Kulmination: Am Dienstag wurde Nuntius operiert. Am Mittwoch war es Protectionist und am Freitag der talentierte vierjährige Lateran Accord (Gaumensegel). Nach dem Abgang von Ay No Digas Richtung USA waren damit fünfzig Prozent meiner derzeitigen Rennpferde innerhalb einer Woche in Vollnarkose versetzt und unter das Messer gelegt worden.

In dieser Agonie sah ich ein kleines Licht am Ende des Tunnels. Es war der Tunnel von Ascot, der vom Führring unter der gewaltigen Tribüne zum Geläuf führt. Das Licht entpuppte sich nicht als Irrlicht, es war die „Auferstehung aus Ruinen“!

Seit Samstag, seit seinem Sieg in neuer Bahnrekordzeit in den King George VI and Queen Elizabeth Stakes, ist Novellist nun Favorit für den Prix de l‘Arc de Triomphe am 6. Oktober in Paris. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Für die kleine deutsche Vollblutzucht (etwa so groß wie die chilenische) sicherte Novellist sich damit einen der vordersten Plätze in den Annalen dieses Sports.

Ich hatte die Freude, Novellists Mutter (Night Lagoon) und seine Großmutter (Nenuphar) selber zu züchten. Seine Urgroßmutter Narola war mein erstes Pferd. Sie wurde von Harro Remmert trainiert und gewann in meinen Farben drei Rennen. Sie erwarb ich im Jahr 1990 auf der BBAG-Jährlings-Auktion für damals 27.000 DM auf Anraten des damaligen Präsidenten des Kölner Renn-Vereins, Fritz Roesch.

Sie gewann in meinen Farben drei Rennen und schenkte mir später dreizehn Fohlen, alle waren Sieger, teilweise sogar sehr gute! Novellist vertritt wie die großartige aktuelle Gruppe-I-Siegerin Nymphea oder die Wunderstute Night Magic, um nur wenige aktuelle Stars zu benennen, die alte Tesio-Mutterlinie der Catnip (1910 für 750 GBP in Newmarket erworben), die für Nogara, die Mutter des einflussreichsten Vererbers aller Zeiten, Nearco, verantwortlich zeichnet.

Wenn man das Pedigree von Novellist bis zur zehnten Generation zurückverfolgt, wird man feststellen, dass er siebenmal ingezogen ist auf diese Mutterlinie. Das habe ich vorausschauenden Zuchtexperten zu verdanken, die lange vor mir das Fundament für diesen wunderbaren Hengst gelegt haben. Ich hatte das Glück, mit der Nebos-Stute Narola eine echte „foundation mare“ kaufen zu dürfen. Es ist wie die Entdeckung eines alten Bildes auf dem Dachboden.

Du lässt es von Experten schätzen und bist von heute auf morgen ein „reicher Mann“ und ein begehrter Gesprächspartner.
Auch für den siegreichen Jockey, den Iren Jonny Murtagh, war es eine „Auferstehung“. Er galt viele Jahre als einer der besten Jockeys der Welt.

Dann befiel ihn eine lange, schwere Krankheit. Nach mehrjähriger Zwangspause bestieg er, inzwischen Mitte 40, dieses Jahr erstmals wieder ein Pferd – und reitet seitdem so gut wie noch nie! Für ihn haben wir uns besonders gefreut, und wenn alles gut geht, wird er Novellist natürlich auch im „Arc“ reiten.

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