Japan – das Land der fast unbegrenzten Turf-M?glichkeiten

Wenn am 11. April 2010 das Race Oka Sho (1000 Guineas) in Hanshin auf dem Programm steht, beginnen in Japan die fünf klassischen Rennen. Der Rennsport im Land der aufgehenden Sonne mit seinen enorm freundlichen und hilfsbereiten Menschen besitzt längst hohes Niveau. Er wird staatlich gelenkt und geleitet.

Die 1954 gegründete Japan Racing Association (JRA) ist die zentrale Organisation für Pferderennen. Deren Hauptbüro in Tokio ist verantwortlich für zehn Rennbahnen. Die kleineren Bahnen im Land unterstehen der National Racing Association (NRA), werden von den regionalen Verwaltungen in Städten und Gemeinden durchgeführt. Und zwar seit 90 Jahren. Die 19 Rennbahnen werden von 16 lokalen Verwaltungen geleitet.

Die JRA führt zehn Prozent des Umsatzes an das Finanzamt ab. Auf dessen Konto wanderten 2007 stattliche 2,86 Millionen Dollar. Im Gegensatz dazu gehen die Steuern der NRA an festgelegte lokale Verwaltungen, bleiben also in der Region. 36 Rennmeetings an 288 Tagen mit 3452 Rennen stellt die JRA auf ihren zehn Bahnen auf die Beine. Den größten Anteil mit je 40 Veranstaltungen haben die Bahnen von Tokio, Kyoto, Hanshin und Nakayama. Die Rennen finden samstags und sonntags oder an Feiertagen statt. Es gibt Flach (96 %)- und Hindernisrennen in Form von Handicaps und einem Kategorien-System.

1984 wurde die Struktur der Gruppe-Rennen eingeführt: 12 Gr. I, 16 Gr. II und 31 Gr. III. Renndistanzen beginnen für Zweijährige ab 800 m, für Dreijährige ab 1000 m. Preisgelder erhalten die ersten fünf Pferde. 8.222 Pferde sind bei der JRA in Training. Sie verteilen sich auf 2343 Besitzer und 221 Trainer. Bei 161 Trainern arbeiten 1167 Assistenten und 1599 Stallangestellte. Und 161 Jockeys sind registriert. Zum Vergleich die Zahlen der NRA: 1.333 Renntage mit 16.033 Rennen. Dafür engagieren sich 5449 Besitzer, deren 11890 Pferde bei 560 Trainern (mit 54 Assistenten) stehen und von 2.599 Pflegern betreut werden. Die Zahl der Jockeys beläuft sich auf 331. „In der Provinz“ sind übrigens neben den englischen und arabischen Vollblütern auch so genannte Ban-ei (Kaltblüter vor dem Wagen) in Aktion.

Japan verfügt über zwei große Trainingszentren: Ritto, 40 km von der Kyoto-Rennbahn entfernt, wurde 1969 eröffnet, besitzt mehrere Trainingsbahnen mit verschiedenem Untergrund und einem ansteigenden Kurs sowie Swimmingpool. 2.200 Pferde werden von 4.000 Beschäftigen versorgt. Auch die 1978 eröffnete, 125 km von der Rennbahn Tokio entfernte und größere Miho-Trainingszentrale bietet beste Bedingungen und den 2300 Pferden sogar seit 2007 ein Polytrack-Geläuf. Und wie für einen hochmodernen Rennsport typisch stehen in beiden Trainingszentren bestens ausgerüstete Tierkliniken sowie eine Jockeyschule zur Verfügung.

Wie überall in Asien sind auch die Japaner ungemein wettfreudig. Es gibt keine Buchmacher, dafür 38 staatliche Wettannahmestellen außerhalb der Rennbahnen und acht verschiedene Wettarten. Angefangen natürlich bei Sieg und Platz (ab acht Startern drei Quoten). Die Quinella ist die Zweierwette (ab neun Pferde), egal in welcher Reihenfolge. Bei der so genannten Bracket Quinella sind zwei Pferde in der richtigen Reihenfolge in mehreren, festgelegten Rennen zu treffen. Die Quinella Place entspricht unserer Platzzwillingswette. Ebenso die Exacta, wo die Zweierwette geradeaus getroffen werden muss. Schließlich runden die Trio (Dreierwette) in beliebiger Reihenfolge und die Trifecta (DW in korrekter Reihenfolge) das Angebot am Totalisator ab. Mit 29,9 Prozent ist die Trifecta am beliebtesten (Anteil am Jahresumsatz 2007 8,25 Milliarden Dollar) und die Siegwette mit 3,8 % am niedrigsten (1,049 Milliarden Dollar). Auch in Japan wächst der Anteil der Internet- und Telefonwetten und nimmt 49,2 Prozent des Gesamtumsatzes ein. 171 Millionen Zuschauer, die bisher höchste Zahl, weist die Statistik 2007 aus.

Die Internationalisierung des sich allmählich immer mehr öffnenden japanischen Rennsport begann 1981 mit der Einführung des Japan-Cups als internationales Einladungsrennen. Unvergessen der bisher einzige deutsche Sieg des Ittlingers Lando unter Michael Roberts im Jahre 1995. Unvergessen für einen erstmals den gigantischen Renntag miterlebenden Zuschauer aus Europa bleibt jedoch auch die 2009er Auflage. 98.811 Zuschauer auf und vor der imposanten, acht Etagen-Tribüne (in dieser Form 2007 fertig gestellt), feierten ihren Liebling Vodka. Die eiserne Lady begeisterte die Massen beim dritten Anlauf und hoch verdienten Sieg, der allerdings mit der von Christophe Lemaires geschickt praktizierten Ausreißtaktik zu Beginn der Geraden gegen den auf den letzten 200 der 2400 Meter enorm schnell werdenden Oken Bruce Lee hauchdünn ausfiel. Von den fünf Gästen aus England und den USA im 18er Feld kam Conduit als Vierter am weitesten.

Die riesige Stimmung beim Finale, diese unglaubliche Geräuschkulisse, als nach langer Zielfotoauswertung endlich Vodkas Nummer 5 auf der Videowand erschien – phänomenal. Das ging unter die Haut. Dabei schrammte Vodka mit 2:22, 4 Minuten nur knapp an dem 2005 von Alkaased (geritten von Frankie Dettori) aufgestellten Rekord von 2:22,1 Minuten vorbei.

Beim 29. Japan Cup (5,6 Millionen Dollar) am 29. November wurden in den elf Rennen des Tages 20 Millionen Euro umgesetzt, davon 15 Millionen Euro im Hauptrennen. Bei einem Blick hinter die Tribüne präsentierte sich ein weitläufiges Terrain mit einem gepflegten und rundum rappelvollen Führring, wobei besonders auffiel, dass in den nationalen Rennen niemand im Ring stand, sondern am Rande des Waagegebäudes. Zum Aufsitzen trabten die Reiter und einige Helfer zu ihren Pferden. Nur beim Japan Cup (seit 1992 Gr. I) sah es im Führring so aus wie bei uns. Im Publikum viele junge Menschen. Überall in und vor der Tribüne (bei immerhin nur 16 Grad) hatte man es sich am Fußboden bequem gemacht und studierte intensiv das Rennprogramm. Und in sämtlichen Etagen alles blitzsauber, überall hilfsbereites Ordnungspersonal.

Nach dem Japan-Cup besitzt das Arima Kinen zu Weihnachten in Nakayama mit 3,8 Mio Dollar einen sehr hohen Stellenwert unter den 12 Gruppe-I-Rennen. Seit 1993 das Yasuda Kinen auch für im Ausland trainierte Pferde geöffnet wurde, hat sich schrittweise die Zahl der internationalen Rennen erhöht. Seit 2007 zählt Japan sozusagen zur ersten Liga der internationalen Rennveranstalter. Und ab 2010 sind alle 122 Gruppe-Rennen der JRA für im Ausland trainierte Pferde offen.

Seit rund zehn Jahren sind japanische Spitzenpferde jenseits der Landesgrenzen ein Begriff. So sorgten 1998 Taiki Shuttle und Seeking the Pearl für Gr. I-Siege in Frankreich, gewann Agnes World 1999 und 2000 auf höchstem Level in Frankreich und England. In Dubai glänzten Hearts Cry und Admire Moon, während sich in Australien Delta Blues (Melbourne Cup) und Shadow Gate in Singapore im Airlines International Cup erfolgreich auf Gr. I-Parkett bewegten. Legendär der Auftritt von Deep Impact im Arc, wobei nach dem dritten Platz für Tausende angereiste japanische Fans eine Welt zusammenbrach und Tränen in Strömen flossen.

Vorausgegangen war im Arc als hervorragender Zweiter ein anderes Klassepferd aus Japan, El Condor Pasa. Allerdings, die Leistungen der Spitzenpferde in mehreren Jahren in den großen Rennen vor allem in Hongkong und Dubai sind sehr wechselhaft. Zwei Aktive dominieren über viele Jahre die heimische Turfszene: Yutaka Take (40), seit 1991 bis auf eine Ausnahme (2001) Champion der Jockeys (2005 mit der Rekordzahl von 212 Siegen) und bei den Trainern Kazuo Fujisawa (58) mit 13. Meisterschaften hintereinander. Während Take 2009 den Titel an Hiroyuki Uschida (146 Siege) abtreten musste, blieb Fujisawa an der Spitze (56 Siege).

Bei den Züchtern prägen seit 1990 die Shadai und Northern Farm die Szene. Die enormen Investitionen in die japanische Vollblutzucht tragen längst Früchte. Da machte sich vor allem der aus den USA importierte Sunday Silence einen Namen. Im August 2002 eingegangen, war der grandiose Vererber auch 2006 der führende Deckhengst, und zwar zum 12. Male hintereinander. Hochaktuell inzwischen seine Söhne Agnes Tachyon und Fuji Kiseki , die zusammen mit Dance in the Dark 2008 die Statistik der Vaterpferde mit den Plätzen eins, zwei und vier beherrschten. Ganz aktuell inzwischen der Sunday Silence-Enkel Deep Sky, 2008 das mit Abstand (vor Vodka) erfolgreichste japanische Pferd. 2008 wurden 271 Vollbluthengste registriert (davon 108 im Ausland gezogen), während sich die Zahl der Zuchtstuten auf 10.234 belief. Beeindruckend die Zahl von 1.121 Gestüten, davon auf Hokkaido 990. Dort gibt es genügend Land und es herrscht kühles, trockenes Klima. In zwei großen Trainingszentren werden die Jährlinge vorbereitet.

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