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Die Geschichte um den Super-Steher

Es ist schon eine bemerkenswerte Geschichte, die sich seit dem vergangenen Samstag abgespielt hatte. Am Morgen des 5. Oktober kommt aus dem Ravensberger Quartier von Andreas Wöhler die Nachricht, dass der für Dr. Christoph Berglar trainierte Arc-Mitfavorit Novellist nicht nach Paris reisen kann. Fieber erstickte die Hoffnungen auf einen Triumph im immer noch bedeutendsten Rennen der Welt.

Doch Wöhler reiste dennoch nach Paris. Zum einen, um sich natürlich den „Arc“ aus nächster Nähe anzusehen, zum anderen aber – und dies ist nach dem Aus von Novellist der wichtigere Grund – um den für Dr. Ingrid Hornig trainierten Altano und den Karlshofer Seismos für den Prix du Cadran zu satteln.

Der Galileo-Sohn Altano, gezogen von BV Präsident Manfred Ostermann (Foto), zählte im Vorfeld nicht zu den Favoriten dieser Prüfung, doch waren sich einige Experten sicher, dass dem Siebenjährigen die 4000 Meter in dieser Phase seiner Karriere besser liegen, als die 2800 Meter im Deutschen St. Leger in Dortmund, wo Altano nach seinem Vorjahressieg nur Fünfter wurde.

Dass der in Besitz der Veterinärmedizinerin Dr. Ingrid Hornig aus Dülmen, einem 47.000-Einwohner-Städtchen im Kreis Coesfeld rund 32 Kilometer von Münster entfernt, zu einem derart guten Galopper werden sollte, damit war zu Beginn seiner Karriere nicht zu rechnen gewesen. Vielmehr schien die Laufbahn des jungen Altano aus der Hof Ittlinger Zucht schon vor Beginn beendet.

Die Geschichte dieses einmaligen Pferdes ist beeindruckend. Doch es war ein langer, wie ungewöhnlicher Weg von seinem ersten Start auf der Neusser Sandbahn im Jahr 2009 bis hin zum Sieg im zur Gruppe I zählenden Prix du Cadran auf der Nobelrennbahn von Paris-Longchamp. Zwischendurch avancierte der Galileo-Sohn für seine Besitzerin noch zum klassischen Sieger. Im Jahr 2012 gewann er in Wambel das St. Leger.

Der so nobel gezogenen Ittlinger hatte jedoch in seiner Jugend einige so gravierende gesundheitliche Probleme, dass eine Karriere unter dem Rennsattel kaum möglich schien. Ein bei stärkerer Belastung streikendes Gaumensegel und die daraus resultierenden Atemprobleme waren nur der Anfang seiner Krankengeschichte. Dazu kamen dann noch Knochenabsplitterungen. Ittlingens Boss Manfred Ostermann schenkte Dr. Ingrid Hornig Altano und die Tierärztin gab ihr Pferd nicht auf.

Gemeinsam mit Dr. med. vet. Victor Baltus kümmerte sie sich um den Galileo-Sohn aus der Lando-Stute Alanda. Nach langer Rekonvaleszenz und intensivster Behandlung war Altano soweit wieder auf Trab gebracht worden, dass er am Silvestertag 2009 in Neuss endlich eine Rennbahn betreten konnte. Bei seinem Debüt musste sich der als 21:10-Favorit gestartete Wallach aber zunächst einmal mit dem vierten Platz begnügen. Was in den Folgejahren geschah, hätte die Traumfabrik Hollywood nicht schöner auf Zelluloid verewigen können.

Beim zweiten Start, ebenfalls in Neuss, gab es dann bereits den ersten Sieg für den Galileo-Sohn, als er auf „Dirt“ über 1900 Meter mit zehn Längen Vorsprung erfolgreich war. Dann ging es im mittleren Handicap weiter, am Ende der Saison 2010 bilanzierten sich bei neun Starts immerhin schon vier Siege. 2011 ging es dann aber so richtig los. Nach drei weiteren Starts im Ausgleich III ging es über den Ausgleich II in den Ausgleich I und schlussendlich, am 18. September in das Deutsche St. Leger.

Hier verkaufte sich der damals Fünfjährige mit Rang sechs gleich derart vielversprechend, dass man sich dazu entschloss, ihn im italienischen Pendant an den Start zu bringen. In Mailand zeigte Altano dann endgültig, dass sich die ganzen Mühen gelohnt hatten, zahlte es mit dem Sieg im St. Leger Italiano zurück und sollte seiner Besitzerin auch in den folgenden Jahren noch sehr viel Freude bereiten.

Einmal angelangt in der „Champions League“ des Galopprennsports, nahm Altanos Karriere nun erst richtig an Fahrt auf. 2012 startete er in vier Gruppe-Rennen, gewann dabei wie eingangs erwähnt das klassische St. Leger in Dortmund und platzierte sich zwei weitere Male. 2013 begann Altano mit einem Sieg im Oleander-Rennen, es folgten vielversprechende Auftritte in Ascot und Goodwood, bei diesen merkte man dem siebenjährigen speedstarken Wallach an, dass ihm die weiteren Wege immer besser liegen.

4000 Meter, eine Aufgabe die nur die besten Steher der Welt lösen können, waren dann am vergangenen Sonntag in Longchamp gefragt. Sie sind seine Distanz. Je weiter, desto besser könnte man meinen. Für ein Pferd, dass noch vor einigen Jahren an Atemwegsproblemen litt eine bemerkenswerte Geschichte, die in dieser Art wohl nur das Leben schreiben kann.

(29.10.2013)