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Der Heißhunger auf den nächsten BMW Derby-Sieg

Andreas Schütz lehnt entspannt an den Rails der Kölner Galopprennbahn in Weidenpesch. Kurz vor acht morgens ist ein Großteil der Arbeit schon erledigt. Nebenan sitzt Manfred Hofer, der einstige Meisterjockey und jetzige Leiter der Galopp-Syndikate, im Sattel eines Mountainbikes. Thema? Pferde, was sonst. Es dreht sich alles um Pferde, wenn „Pferde-Menschen' beieinander stehen. Sieben Tage die Woche, das ganze Jahr. Ein ganzes Leben lang.

Das Erstaunliche vorweg: Der 36 Jahre alte Andreas Schütz gibt sich umgänglich, auskunftsfreudig, zuvorkommend. Keine Spur von den Wesensmerkmalen, die ihm gar zu gerne nachgesagt werden: Hochfahrend, arrogant, bisweilen stur. „Der Gnadenlose' hatte einmal eine Überschrift über einer Geschichte gelautet, deren Inhalt Andreas Schütz und seine erste große leidige Affäre im Trainerberuf gewesen war.

Das war ganz schnell gegangen. Kurz nachdem er 1998 den renommierten Stall von seinem Vater Bruno übernommen hatte, gab es den großen Knall mit Dietrich von Boetticher, Eigner des Gestüts Ammerland, Besitzer von Borgia, der Derbysiegerin von 1997. Andreas Schütz hatte von Boetticher, einem seiner größten Kunden, nahegelegt, die Pferde aus seinem Stall abzuziehen.

„Unser Ziel war es, mit den Ammerländern nach oben zu kommen und nicht in der zweiten Reihe mitzulaufen', sagt Andreas Schütz heute. Inzwischen ist alles längst beigelegt, Ammerland hat wieder Pferde im Schütz-Stall stehen, der zur Zeit mit 117 Pferden belegt ist, betreut von über dreißig Angestellten.

Aber es war bezeichnend für Andreas Schütz. Er arbeitet noch immer heftigst daran, zwar nicht handzahm, aber doch besonnener zu werden. Sein Vater hatte ihm stets gesagt, lieber dreimal die Faust in der Tasche zu ballen, als allzu spontan zu reagieren. Leicht gesagt, schwer getan.

„Darin bin ich noch längst nicht perfekt, aber ich arbeite daran', sagt Andreas Schütz. Er sagt auch von sich, als Kind sei er ein „Rabauke' gewesen, deswegen hart angefaßt worden vom Vater. „Ich habe oft den Arsch voll gekriegt', sagt Andreas Schütz ganz bewußt derb, 'wenn es nötig war'. Und er läßt keinen Zweifel daran, daß es ihm für den weiteren Lebensweg nicht geschadet hat.

Der Vater hatte versucht, ihm das Bewußtsein zu vermitteln, ein Dienstleistungsunternehmen zu leiten, das auf seine Kunden angewiesen ist. Womit klar war, wer sich auf wen einzustellen hatte, der Dienstleister auf die Kunden, und nicht umgekehrt. Das ist ein Prozeß, an den sich Andreas Schütz erst gewöhnen mußte und den er in seiner kausalen Folge gar zu gerne umgedreht hätte.

„Ich bin aber, glaube ich, auf einem ganz guten Weg.' Das Verhalten alleine vom Erfolg abhängig zu machen, der einem vielleicht den Kopf in die falsche Richtung verdrehen könnte, hat sein Leben jedenfalls nicht bestimmt.

Wer mit schon 30 Jahren einen Stall übernimmt, in dem der Erfolg an der Tagesordnung war, dem gleich im ersten Jahr, 1998, mit Robertico der erste Derby-Sieg gelingt, der die nationale Statistik nach Siegen und Gewinnsumme beherrscht wie kaum einer zuvor, den der Streß des täglichen Lebens und der Rennen prägt, der muß in der Tat Beherrschung lernen. Und die richtigen Leute an seiner Seite wissen.

Wie Ehefrau Elke. Sie erledigt die Buchhaltung, macht Abrechnung, kümmert sich um Besitzer, die auf den Rennbahnen zusätzlich noch von Mutter Marlis betreut werden. Oder Futtermeister Hans Peters. Die Loyalität in untadeliger Person.

Der Start im neuen Metier hätte für den ehemaligen Amateur-rennreiter von europäischer Klasse gar nicht besser laufen können. „Es lief wie am Schnürchen.' Der erste Sieger war gleich in einem Listenrennen fällig. Es folgte mit Eden Rock der Preis von Gelsenkirchen, mit Elle Danzig die klassischen Prüfungen wie Henkel-Rennen und die Diana. „Die Diana habe ich bis jetzt auch schon viermal wie das Derby gewonnen, war einmal Nase Zweiter, das scheint keiner richtig wahrzunehmen', sagt Andreas Schütz. „Wir haben zu Anfang alles gewonnen.'

Die Union, in der Robertico Dritter geworden war, diente schon der intensiven Vorbereitung auf das Derby. Margosto, sein damals letzter Ammerland-Starter, war noch vierter geworden. Tiger Hill, der Riesen-Favorit, war im Derby Zehnter. So kann es laufen, das wichtigste und verrückteste Rennen im Leben eines Pferdes.

Lanciano hatte die Union gewonnen, im Derby kam er als zweiter Favorit auf Rang 17. Altmeister Hein Bollow war schon nach der Union einer der ersten, die Andreas Schütz gratulierten, weil der Meinung war, „da passiert noch was'. Hamburg brachte die endgültige Bestätigung.

Die Fußstapfen waren groß, in die Andreas Schütz treten mußte. Vier Mal hatte sein Vater das Derby gewonnen (das erste allerdings erst 1984 mit Lebos), hatte über 2000 Siege angehäuft. Seit vier Generationen hat es die Familie Schütz mit den Pferden. Der Opa war der „Zauberer von Halle' genannt worden. So war es kein Wunder, daß Andreas Schütz („Neben der Rennbahn in Hannover geboren.') schon mit vier Jahren im Sattel saß. „In den Sattel bin ich reingeboren worden.'

Mit sechs Jahren gab es das Übliche, Fußballverein, Rollerskates. Mit neun Jahren canterte er die Bahn runter - und fiel runter. „Da hatte ich drei Jahre lang die Nase voll.' Mit zwölf fand er wieder Gefallen am Rausch der Geschwindigkeit im Sattel eines Pferdes. Als erster trug er auf der Kölner Rennbahn den heute zwingend vorgeschriebenen schützenden Helm. „Ich bin nie unter Druck geritten, immer freiwillig, das hat meiner Entwicklung gut getan. Ich war immer auf dieses Leben ausgerichtet.'

Er wurde Industriekaufmann, „um zu lernen, wie ein Betrieb dieser Größenordnung geführt werden muß'. Die Schule war nur 200 Meter vom Stall entfernt, jede freie Minute saß er im Sattel. Wen mag es verwundern, daß er partout Jockey werden wollte? Und todunglücklich war, als er größer und schwerer wurde? Er suchte sogar Medikamente, „um klein bleiben zu können'. Ein Schabernack.

Mit 13, 14 Jahren ritt er gemeinsam mit Georg Bocskai aus. Die nahe Zukunft lag in der Amateurreiterei, das Grundgewicht lag bei 59, 60 Kilo. Damit kam er rum in der Welt. „1988 ritten wir in elf verschiedenen Ländern.' Laut Statistik hat er es auf 173 Siege gebracht, er glaubt aber, daß es 180 waren. „Da wurden mir wohl ein paar im Ausland unterschlagen. In der Tschechoslowakei habe ich alleine sechs Rennen gewonnen.' Ein Mal war er Fegentri-Champion, ein Mal zweiter, vier Mal deutscher Meister, geritten wurde nicht nur in Europa, auch in Afrika, in den USA, über die Flachen, über Hindernisse.

„Da gab es von den Besitzern richtig gutes Trinkgeld. Ich lebte bei meinen Eltern, ich hatte keine Kosten, ein paar Mark blieben immer übrig. Ich konnte ganz gut leben.' Bis es zuviel wurde mit den Verletzungen. „Jedes Jahr hatte ich irgendetwas. Schlüssel-beinbruch, Schien- und Wadenbeinbruch, Kieferbruch. Es gab Stürze, da war ich bewußtlos. Irgendwann kam ich nicht mehr aus dem Krankenhaus raus.' Er stieg bei seinem Vater als Assistent ein, schaute hin, lernte. Das Feingefühl für die Pferde, das Auge für die Pferde, das mußte er nicht mehr lernen. Diese Eigenschaften waren angeboren.

Der zweite große Höhepunkt im neuen Leben kam im Jahr 2000. Der zweite Derbysieg auf dem Horner Moor dank Samum (Besitzer Franz-Günther von Gaertner) unter Andrasch Starke ('Samum explodiert!!'), dazu stellte Andreas Schütz mit Subiaco und Acamani die Zweit- und Drittplazierten. Überschattet wurde dieses unvergeßliche Derby vom Tod des Vaters, der während der Derby-Woche in einem Hamburger Hotel starb.

Am Ende des Jahres gab es eine Rarität zu feiern. Ehefrau Elke wurde beste Amateurreiterin des Jahres, Andreas Schütz wurde Trainer-Champion. Es war das erste Doppelchampionat eines Ehepaares in der Geschichte des deutschen Galopprennsports.

2002 wiederholte sich die Hamburger Triplette, als Next Desert als Derbysieger gefeiert wurde, die Schütz-Pferde Salve Regina und Tomori dahinter einkamen. Von Next Desert schwärmt Andreas Schütz noch heute. „Das beste Pferd, das ich bisher trainiert habe.' Auf Next Desert aus dem Besitz von Hugo Miebach hatte Andrasch Starke ein erstaunliches Comeback gefeiert. Erst fünf Tage zuvor war er nach einer halbjährigen Dopingsperre wieder in den Sattel gestiegen.

„Ohne die Hilfe von Andreas Schütz hätte ich es nicht geschafft', sagte Starke, auf den Schütz starke Stücke hält. „Ein absoluter Profi, durchtrainiert und fit wie kaum ein anderer. Dazu ist er tatsächlich pflegeleicht.' Immerhin ist Starke schon die neunte Saison als Stalljockey am Schütz-Stall.

Daß mit Dai Jin aus dem Besitz von Werner Heinz auch der Derbysieger des Jahres 2003 aus dem Stall von Andreas Schütz kam, wen mag es noch verwundern. Dazu stellte Schütz hinter dem Zweiten Ransom O`War mit Storm Trooper, Next Gina und Akihito auch noch die Pferden auf den Plätzen drei, vier und fünf. Und 2004?: „Shirocco, Next Society und noch ein, zwei Halbdunkle', sagt Andreas Schütz kurz und knapp. Immer schön dran denken.

Andreas Schütz legt Wert darauf, daß diese vielen Erfolge nicht alleine auf seinem Mist gewachsen sind. „Wir arbeiten alle sehr eng miteinander, ein Trainer ist kein Ein-Mann-Team.' Fast alle seiner dreißig Angestellten - „keine Saisonarbeiter' - sind schon über zehn Jahre dabei. „Das funktioniert nur mit Erfolg', an dem er alle beteiligt.

Der Bestand mit 117 Pferden ist angesichts vieler Schwierigkeiten mancher Kollegen konstant geblieben, was stolz macht, zumal Niveau und Qualität gesteigert werden konnten. Die Verbindung von Ullmann/Gestüt Schlenderhan stellt mit knapp zwanzig Pferden das größte Kontingent im Stall, das Gestüt Wittekindshof ist dazu ein treuer Kunde, Ammerland wieder.

Als Trainerassistent fungiert Jens Hirschberger, der schon vor fünf Jahren kam und eine „Filiale' in Weidenpesch mit dreißig Pferden leitet. 24 ältere Pferde stehen in den Boxen, Zwei- und Dreijährige stellen je zur Hälfte den Rest. Das alles muß im Sinne des großen Ganzen ständig vermarktet und am Laufen gehalten werden, inklusive einer bestens gelungenen Homepage im Internet.
Was bleibt? Das Warten auf den nächsten Derbysieger, trainiert vom 'Gnadenlosen'.

Die Story stammt aus der aktuellen Ausgabe der VOLLBLUT

(22.05.2004)