Als Ascot der Boden für deutsche Erfolge war | GaloppOnline

Als Ascot der Boden für deutsche Erfolge war

Das war ein Tag für die Geschichtsbücher – für die in der damaligen Zeit in Bezug auf den deutschen Rennsport wahrlich oft bemühten Geschichtsbücher! Im Rückblick waren die ersten Jahre des vergangenen Jahrzehnts tatsächlich goldene Zeiten – man nehme nur Danedream, Pastorius oder eben Novellist! Mit einem überragenden Fünf-Längen-Sieg in den mit einer Million Pfund dotierten King George VI & Queen Elizabeth Stakes von Ascot zeigte der 2013 vier Jahre alte Monsun-Sohn die Leistung seines Lebens. Damit folgte der von Andreas Wöhler für Dr. Christoph Berglar trainierte Novellist gleich in doppelter Hinsicht auf den Spuren von Danedream. Nicht nur dass er Nachfolger von Peter Schiergens Wunderstute wurde, die das Rennen im Jahr zuvor knapp mit Nasenvorspung gewonnen hatte, der Monsun-Sohn siegte auch exakt mit dem gleichen Vorsprung von fünf Längen, mit dem Danedream ihren ersten ganz großen internationalen Treffer gelandet hatte, ihren Sieg im Prix de l´Arc de Triomphe 2011.
 
Neuer Bahnrekord

Zwar hatte Danedream 2012 in Ascot gleich sechs individuelle Gruppe-I-Sieger hinter sich gelassen, darunter so glanzvolle Namen wie St. Nicholas Abbey, der im Vorfeld zum aktuellen Rennen wegen einer Trainingsverletzung seine Karriere beenden musste, oder Nathaniel. Novellist schlug 2013 „nur“ drei individuelle Gruppe-I-Sieger im Achter-Feld. Doch das, was nun wirklich Bände sprach war der neue Bahnrekord, den er über die 2414 Meter-Distanz aufstellte. Er unterbot die Zeit des legendären Elf-Längen-Siegs von Harbinger 2010 um glatt zwei Sekunden. Das nun sollte von vornherein keine Zweifel an der Wertigkeit des Sieges aufkommen lassen, nachdem der Hengst zuvor für seinen Sieg im Grand Prix de Saint-Cloud vergleichsweise ein eher schwächeres Rating kassiert hatte.
Das Tempo im Rennen hatten der in den Hardwicke Stakes von Royal Ascot gestürzte Ektihaam unter Dane O´Neill und Mark Johnstons frischer Gruppe-II-Sieger Universal unter Joe Fanning gestaltet. Dahinter waren Seite an Seite Jim Bolgers Irish Derby-Sieger Trading Leather unter Kevin Manning und Novellist und Starjockey Johnny Murtagh zu sehen. An fünfter Position ging der 25:10-Favorit des Rennens, Corine Barande-Barbes Cirrus des Aigles. Der Wallach war aufgrund seiner Leistung in den von Frankel gewonnenen Champion Stakes von Ascot im vergangenen Herbst damals noch das höchst bewertete Pferd im Training. Dahinter ging Sir Michael Stoutes drei Jahre alter Hillstar unter Ryan Moore, der zuvor Aidan O´Briens Epsom Derby-Vierten Battle of Marengo geschlagen hatte.
 
Cirrus des Aigles enttäuscht

In dieser Formation zog sich das Feld etwa zur Hälfte des Rennens weit auseinander. Zwischen dem Dritten Trading Leather und Novellist klafften zeitweilig gut vier Längen. Beim Einbiegen in die Zielgerade bei etwa 600 Meter Restdistanz fiel Ektihaam bereits zurück, Universal übernahm das Kommando. Das Feld war plötzlich wieder zusammengeschnurrt. An der 400-Meter-Marke dann zog Johnny Murtagh mit Novellist relativ leicht tribünenseitig an Universal und Trading Leather vorbei. Cirrus des Aigles machte in diesem Moment bereits den Eindruck, nicht mehr viel zuzusetzen zu haben. Seine Trainerin machte nach dem Rennen die Trainingsfaulheit ihres Schützlings dafür verantwortlich. Bereits an der 200-Meter-Marke war der zweite deutsche Sieg in der Geschichte dieses wichtigsten europäischen Sommer-Grand-Prix quasi in trockenen Tüchern. Trading Leather wurde fünf Längen zurück Zweiter, eine weitere dreiviertel Länge dahinter verbesserte sich Hill Star auf der Tribünenseite noch auf den dritten Platz. Drei Längen dahinter folgte erst der Favorit Cirrus des Aigles unter Christophe Soumillon, mit einem Kopf vor Universal. Bis 2012 war der fünfte Platz von Orsini aus dem Jahre 1959 das beste Ergebnis für ein in Deutschland trainiertes Pferd in diesem Rennen. Nun war der zweite Sieg in Folge gelungen. Wie war das nur möglich?
 
Neuer Arc-Favorit

Mit diesem Sieg verdiente Novellist satte 603,961.50 Pfund. Andreas Wöhler ließ nach dem Rennen keinen Zweifel daran, dass der Prix de l´Arc de Triomphe nun das große Saisonziel für seinen Schützling sei. Er notierte – man möchte sagen selbstredend – als einer der Mitfavoriten für die Prüfung, von Racebets.com wurde er sogar als alleiniger 65:10-Marktführer gesehen. Für Murtagh war es der vierte Erfolg in der Monstre-Prüfung nach Alamshar (2003), Dylan Thomas (2007) und Duke Of Marmalade (2008), der gleichzeitig auch der letzte King George-Sieger war, der auch im Arc startete, nachdem Danedream 2012 an ihrer Titelverteidigung wegen der Quarantäne des Kölner Trainingszentrums gehindert war. Doch Murtagh sollte es – wenn er den Wöhler-Hengst in Longchamp reiten sollte - dann eher wie mit Dylan Thomas 2007 machen, der auch tatsächlich den Arc gewann! „Er ist ein hochklassiges Pferd und hat einen guten Motor” sagte Johnny Murtagh nach dem Rennen, „Ich hoffe, dass ich ihn auch im Arc werde reiten können, denn ich glaube er hat dafür genau das, was man braucht.“
 
Konkurrenz ist beeindruckt

Die Konkurrenz zeigte sich ebenfalls beeindruckt. Der französische Startrainer André Fabre machte Novellist seine verbale Aufwartung und Roger Charlton, Trainer des fünf Jahre alten Arc-Mitfavoriten Al Kazeem, sagte: „Man konnte nicht anders als beeindruckt von diesem Sieg sein. Er wird sicherlich eine Gefahr für alle Starter im Arc sein.“ Das Monstre-Rennen im Bois de Boulogne bleibt das große Saisonziel und das Maß aller Dinge. Dass Novellist in dieser Meisterschafts-Prüfung ein ernstes Wörtchen um den Sieg mitreden könnte, stand außer Frage, auch wenn man den Erfolg in Paris – nach Bahnrekord und Fünf-Längen-Sieg in Ascot – nicht für gesetzt halten konnte.
Zum Beispiel bot sich der vergleichende Blick auf die Erfolge dreijähriger Pferde in den King George Stakes und im Prix de l´Arc de Triomphe an. Bis 2013 konnten im 21. Jahrhundert bei 13 ausgetragenen Rennen nur vier ältere Pferde in Paris gewinnen, in Ascot war das Verhältnis genau umgekehrt. Dort konnten nur vier Dreijährige gewinnen. In den King George Stakes – dem ersten großen Generationenvergleich über die Derby-Distanz in England – hatte der klassische Jahrgang einen Gewichtsvorteil von 5,4 kg, im Arc betrug dieser immer noch – durchaus umstrittene – 3,5 kg für die Hengste. Da die Entwicklung der Leistungsfähigkeit der dreijährigen Pferde zwischen Sommer und Herbst relevant ist, begünstigte der Gewichtsvorteil im Herbst nach Meinung vieler Experten den klassischen Jahrgang und erklärte so die besondere Erfolgsbilanz der Youngster im Arc.
 
Ein „Hut“ im Führring

Nun hatte Novellist in Ascot mit dem Irish Derby-Sieger Trading Leather und dem Royal Ascot-Sieger Hillstar ausgerechnet zwei hochkarätige Dreijährige in einer Form auf die Plätze verwiesen, die nicht dazu Anlass gab, dass – Entwicklung hin oder her – bis Oktober unbedingt eine Leistungsumkehr nahe gelegen hätte. Doch Novellist stritt sich um die Marktführerschaft im Arc auch mit den beiden französischen Fabre-Dreijährigen, dem Jockey Club-Sieger Intello und Flintshire, der in hocheindrucksvoller Manier den Grand Prix de Paris gewonnen hatte. Auch mit der damaligen Prix de Diane-Siegerin Trève musste man zu diesem Zeitpunkt bereits rechnen – Zarkava und Danedream als dreijährige Arc-Siegerinnen als gutes Beispiel voran. Der vier Jahre alte Novellist hatte an diesem Sonntag von Ascot seinen – imaginären– Hut in den Führring geworfen. – Doch zu dem ultimativen Showdown kam es nie. Novellist musste nach einem Sieg im Großen Preis von Baden seine Karriere verletzungsbedingt vor dem Arc beenden. Heute steht der Monsun-Sohn für eine Decktaxe von rund 13.000 Euro auf der Shadai Stallion Station in Hokkaido, Japan.