Gerade einmal zweieinhalb Jahre ist es her, da startete Jens Hirschberger seine Trainer-Karriere auf dem Gestüt Schlenderhan. Wenige Monate nachdem er seinen Job als Assistent bei Andreas Schütz in Köln beendet hatte. Auf der privaten, nach modernsten Gesichtspunkten bereitet er für die Zuchtstätte der kürzlich verstorbenen Karin Baronin von Ullmann und für ihren Sohn Georg die Vollblüter fernab von jeglicher Hektik konkurrierender Unternehmen auf ihre Einsätze vor.
Von Anfang an avanvierte das „neue Schlenderhan“ zu einer Erfolgsadresse im hiesigen Turf. Gemeinsam mit einer schlagkräftigen Truppe um Gestütsleiter Gebhard Apelt und den Jungcoach landete man gleich in der ersten Saison mit Adlerflug einen Sieg im Blauen Band. Wer erinnert sich nicht noch an das Solo des In the Wings-Sohnes auf dem Horner Moor?
„Du brauchst zum richtigen Zeitpunkt das richtige Pferd in diesem oftmals verrückten Rennen, und das war bei Adlerflug der Fall“, erklärte Jens Hirschberger schon vor einem Jahr. 2008 sattelte er Walzertraum und Agapanthus, doch die beiden Schlenderhaner belegten nur die letzten Plätze.
Das alles ist Schnee von gestern, in der laufenden Saison befinden sich die Pferde aus diesem Quartier längst auf der Überholspur. Und gerade in den Wochen vor dem Derby haben die Erfolge eine große Eigendynamik entwickelt, so dass Hirschberger nun die beiden Wettmarkt-Favoriten für das Idee 140. Deutsche Derby in seinem Stall stehen hat. Fast alle Experten sind sich einig, dass diese Duo, bestehend aus Georg Baron von Ullmanns Suestado und dem Schlenderhaner Wiener Walzer für alle Konkurrenten die Messlatte im Feld ist.
Wer die Nummer eins ist? Hirschberger antwortete schon kurz nach dem Siegen der beiden in ihren Vorbereitungsrennen diplomatisch: „Ich lege mich da im Vorfeld nicht fest.“ Ohnehin wäre das alles andere als einfach, und Stalljockey Adrie de Vries hatte tatsächlich die Qual der Wahl, ehe er sich für Suestado entschied.
Zwei Starts, zwei Siege – das ist die makellose Bilanz von Suestado, der es noch besser machen soll als sein Vater Monsun, der 1993 kurz wie der Derbysieger aussah, dann aber noch von von Lando abgefangen wurde, aber vor Sternkönig blieb. Es handelte sich um einen der besten Jahrgänge der jüngeren Vergangenheit.
Im bestbesetzten „kleinen“ Rennen für Dreijährige des Jahres schlug er gleich beim Kölner Debüt den noch stark aufkommenden Eliot, Oriental Lion, der jedoch Gewicht weggeben musste, Sordino und Marlow, die er am Sonntag im Derby erneut zu Gesicht bekommt.
Und dann hatte sich Suestado noch weiter verbessert, denn im Hannoveraner Derby-Trial marschierte er vom letzten Platz aus an der Außenseite auf und davon, blieb dabei vor Toughness Danon und Frantic Storm, ebenfalls zwei Derby-Kandidaten. Spätestens dann war die Derby-Favoriten-Rolle an Suestado vergeben, auch wenn er nach GAG-Einstufung deutlich unter einigen Kandidaten rangiert.
„An bestimmte Bodenverhältnisse ist er nicht gebunden“, sagt sein Betreuer, der natürlich hofft, dass der Hengst Adlerflug nacheifern kann, der vor zwei Jahren auch über Hannover zum Derby-Hero avancierte. Da er über 2200 Meter zuletzt immer souveräner wurde, gibt es auch an der Stamina nicht den geringsten Zweifel.
Besser als sein Halbbruder Walzertraum, der vor einem Jahr auf unpassendem Boden und zu weiter Distanz keine Rolle spielte, soll es der von Dynaformer stammende Wiener Walzer machen, der mit mehr Stehvermögen ausgestattet zu sein scheint. Auch er hat in seiner Laufbahn noch wenig Fehler gemacht.
Beim letztjährigen Debüt in Köln war der Boden zu weich und mangelte es noch an Routine, doch beim Einstand 2009 in Bremen war der Nachkomme der erstklassigen Stute Walzerkoenigin nicht wiederzuerkennen. Auf riesigen Vorsprung setzte sich Wiener Walzer ab, tanzte die Gegner völlig aus.
Leider zog er sich dabei einen Chip zu, doch musste die Knochenabsplitterung nicht operativ behandelt werden, wenngleich sie mit einem kurzen Trainingsstopp verbunden war. Man gab dem Hengst alle Zeit zur Erholung und wartete bis zum Oppenheim-Union-Rennen in Köln. Dort galt Wiener Walzer als Mitfavorit. Doch was er da unter Adrie de Vries auf den Rasen der Domstadt zauberte, war vom Allerfeinsten.
Canternd erreichte der Hirschberger-Schützling an vierter Stelle die Gerade und setzte sich zeitig und überlegen von Oriental Lion, Panyu, Egon und Eliot ab, mit denen er es auch im Derby zu tun bekommt. Sollte der Boden nicht zu weich sein und er auch mit den 2400 Metern zurechtkommen, spricht wenig für eine Formumkehr. Der nach GAG-Einschätzung an Position eins stehende Wiener Walzer könnte sein Team auch auf das Treppchen mit der „1“ in Hamburg bringen.
Leider kann Baronin Karin von Ullmann den Start nicht mehr miterleben, doch darf man fest damit rechnen, dass der Dreijährige Ehre für seine Züchterin und Besitzerin einlegen kann, ob als Sieger oder mit einer Platzierung, wird man sehen. Am besten natürlich als Nachfolger von Adlerflug, dem bislang letzten Derbysieger aus Schlenderhan.
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