"Noch ist es ein Wind, jetzt ist es ein Sturm und nun ist es ein Tornado. Samum kommt", donnerte die Stimme Manfred Chapmans durch die Lautsprecher. Der Hengst siegte, gewann das erste World Series-Rennen auf deutschem Boden. Andrasch Starke ließ sich auf dem Rücken des Fuchses feiern, streckte die Faust in den Himmel. Dann der Handkuss in die Menge. Ein Handkuss für knapp 30.000 Turfbegeisterte, könnte man meinen. Weit gefehlt. Denn dieser Kuss galt nur ihr: Anja Altenburger (Foto: rechts). Der Frau an der Seite des Champion. Auf Höhe des Zielpfostens stand sie und schrie immer wieder Samum, Samum. Die Schreie wurden belohnt: es war ihr tollster Renntag bisher. Der Kuss vom Rücken von Samum, es war ihr schönstes Erlebnis im Galopprennsport.
Angefangen hatte alles im Alter von 12 Jahren auf der Rennbahn in Frankfurt. Ein kalter Novembertag am Main, zu Gast die kleine Anja und ihre Mutter. Es war so kalt, dass Anja danach im Bett einen Grippevirus zu bekämpfen hatte. Mehr als ein Jahrzehnt später muß Anja wieder eine Krankheit ausstehen. Wieder auf der Rennbahn. Doch dieses mal die wohl schönste Krankheit der Welt.
Als sie damals 12 Jahre alt war, donnerte ein kleiner Junge mit Ponys über die Wiesen der Umgebung von Stade bei Hamburg. 1998 lernten sich der Ponyreiter und die kleine Anja in Baden-Baden kennen: Andrasch Starke und Anja Altenburger. Natürlich auf der Rennbahn. Am Nikolaus-Tag dann das erste Date beim Brunch in Köln. Sie wusste, dass er Jockey war, hatte aber keine Ahnung, ob ein guter oder ein schlechter. Es hatte aber gefunkt. Im Folgejahr im Februar werden sie ein Paar: Topjockey Andrasch Starke und die Marketingleiterin Anja Altenburger. Mittlerweile wohnen sie zusammen (kurz nach Samums Derbysieg), mittlerweile fiebert sie stetig mit: bei jedem Ritt des Champions drückt sie die Daumen. An jenem Nikolaustag im Dezember, Starke hatte sein erstes Derby gewonnen, wusste sie nicht, wer Robertico ist. Heute kennt sie die Vierbeiner, die ihr "Mann" reitet. Ihr Liebling unter den edlen Vollblütern ist Caitano.
Über ihre Eltern ist die in Limburg geborene Anja zum Turfsport gekommen. Die Eltern hatten Rennpferde bei Norbert Sauer in Dortmund stehen, unter anderem das gute Hindernispferd Nick. Mit Insidern hatte Anja aber nie etwas zu tun. Sie liebt das Flair, ist ausschließlich fasziniert von den Pferden. Zumindest, bis sie Andrasch trifft. Jockeys kennt sie bis dahin nur aus den Programmen. "A. Starke", so ist es schwarz auf weiß gedruckt. Den Vornamen erfährt sie von ihm persönlich. Neben Daumendrücken ist die selbst voll berufstätige Frau vor allem in der Ernährung eine Stütze. Wenn sie etwas ißt und Starke nicht darf, hat sie sogar ein schlechtes Gewissen.
<b><u>Das Schaumbad mit Gedanken an Sha Tin</u></b>
Was hat eine Badewanne in Köln mit der Galopprennbahn Sha Tin in Hong Kong zu tun? Nichts, sollte man meinen. Doch das stimmt nicht. Zumindest nicht am 24. April zwischen 10 und 11 Uhr. Als eine blonde Frau in Köln das Wasser einlässt, ist es im fernen Osten schon später Nachmittag. Als die Wanne halb voll ist, dreht Silvano in Asien seine Runden durch den Führring. In der Badewanne liegt Christina Kugler (Foto: links), auf dem Rücken des Pferdes galoppiert Andreas Suborics zur Startstelle. Die beiden trennen in diesem Moment mehrere tausend Kilometer. Sonst trennt sie nicht viel: beides Österreicher, beide geboren in Wien, zusammen ein Paar. Seit 15 Jahren kennen sie sich, gefunkt hat es aber erst vor sechs.
Es war ein kalter Dezember in Wien, als Katharina Johanna Kugler die Tür öffnet und ihren Besuch einlässt. Draußen schneit es. Ein junger Mann stattet einen Weihnachtsbesuch ab. Es ist Andreas Suborics. Katharinas große Schwester Christina kennt ihn flüchtig, war wenige Male auf der Wiener Rennbahn. Dort haben sie sich kennen gelernt. Als Suborics nach Deutschland geht, verlieren sie sich aus den Augen. Bis eben in diesem Dezember. Die beiden verbringen in dem Monat viel Zeit miteinander. Im folgenden Frühjahr zieht Christina zu Andreas nach Köln.
Doch wer ist die Frau an der Seite des Sonnyboys? Geboren ist sie am 18.11.1970 in Wien. In Österreichs Hauptstadt hat sie dann die Schule besucht und das Medizin-Studium begonnen. 9 Semster lang wurden die Universitätsbänke gedrückt. Zahnmedizin war das Ziel. Es kam etwas dazwischen. Sie wurde schwanger und musste das Studium abbrechen. Mittlerweile leben im Hause der Familie Suborics in Köln zwei Kinder. Sebastian und Julian. Ein Fulltime-Job für sich. Und dann gibt es noch die Büro-Arbeit für ihren Mann. Denn für den "Schreibkram" und alles, was sonst noch anfällt, ist Christina verantwortlich. Da hält sie ihrem Mann den Rücken frei, dass sich dieser voll auf seinen Job konzentrieren kann. Das Rennbahnflair hat Christina in St. Moritz erstmals richtig erkannt, beschreibt die Rennen auf Schnee als den Moment, wo sie gemerkt hat, dass dieser Sport etwas besonderes ist. Besondere Siege gab es mittlerweile viele zu feiern. Wenn sich die Wienerin erinnern soll, nennt sie den Badener Sieg von Tiger Hill. Aber auch Sumitas und Silvano sind besonders ins Herz geschlossen, es werden viele Erinnerungen mit diesen Vierbeinern verbunden.
An ihren ersten Tag auf einer deutschen Bahn eher weniger. In Düsseldorf musste sie neun Rennen verbringen, kannte keinen Menschen. Am Absattelring war nach der letzten Prüfung Treffpunkt. Doch wo war der Absattelring? Diese kleinen Probleme gehören der Vergangenheit an. Auf der Rennbahn sieht man sie heute oft mit Alida Blume und Anja Altenburger. Auch außerhalb des Sports sind sie befreundet, gehen ins Kino und treiben zusammen Sport. Die Mädels verstehen sich. Nicht, weil sie zusammen zum Champagner-Stand wandern, sondern weil sie gleiche Interessen haben. Über den Galopprennsport spricht man außerhalb der Bahn kaum. Da geht es um andere Dinge als den Sport.
In der Badewanne stand der Sport der schnellen Pferde aber doch im Mittelpunkt. Zwischen dem Schaum ragen ein Kopf und ein Arm aus dem Wasser. In der Hand ein Telefon. Am anderen Ende der Leitung Vicky Furler-Schmidt, die Tochter des großen Addi Fuler. Vicky kommentiert Christina das Rennen, hat Live-Bilder aus Hong Kong. Schon im Schlussbogen ist Christina zu aufgeregt. 500 Meter vor dem Ziel hört sie nur noch Schreie. Sie ist so nervös, dass sie auflegt. Hätte sie nicht müssen. 15 Sekunden später schellte das Telefon wieder. Sie hatten gewonnen. Er auf dem Rücken des Pferdes in Hong Kong, sie in der Badewanne in Köln. Es war der 24. April, exakt 10:33 Uhr.










