Interview/Jockey Talks

Mit Steigenberger

GaloppOnline.de: Die ersten Auftritte von Titurel und Walzertraum in Dubai waren stark, anschließend lief es nicht so wie erwartet?

A. Steigenberger: Der Ritt von Kieren Fallon auf Titurel war ein Witz, eine Frechheit. Er hat total gegen die Order geritten, er sollte an zweiter oder dritter Stelle gehen, doch wo war er unterwegs? Hinten, auf einem pullenden Pferd sitzend. Im Einlauf, als vorne schnell der Zug abgefahren war, lief Titurel unangefasst brav auf den vierten Platz. (Video ansehen) In Deutschland hätte Kieren Fallon wohl bei Dr. Tasch auf dem Turm vorstellig werden müssen. Walzertraum wurde angaloppiert.

Er lief auch beim ersten Mal stark (Video ansehen), beim zweiten Start ist er entschuldigt. Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass er in Schlenderhan oft Arbeitspartner für seine vierbeinigen Gruppe-I-Kollegen war. Bei ihm muss alles passend sein. Er soll nun am Super-Thursday in einem Handicap laufen.

GaloppOnline.de: Wie Sind Sie in den Besitz von Titurel und Walzertraum gekommen?

A. Steigenberger: Titurel haben wir die in der letzten Saison intensiv beobachtet und hatten dabei Dubai bereits im Hinterkopf. Wir sind dann an Schlenderhan herangetreten. Walzertraum haben wir lediglich von Schlenderhan gepachtet.

GaloppOnline.de: War diese Investition auch mit dem Hintergedanken geprägt, Titurel schnell wieder zu verkaufen?

A. Steigenberger: Titurel habe ich sicherlich auch gekauft mit dem Gedanken, dass er später auf dem Markt sein wird. Natürlich muss er die Erwartungen erfüllen, aber dann ist er auch für ein entsprechend hohes Gebot zu kaufen.

GaloppOnline.de: Ist die Sache bereits aktuell?

A. Steigenberger: Ich habe in Dubai und aus Dubai ein Angebot vorliegen.

GaloppOnline.de: In welcher Höhe?

A. Steigenberger: 300.000 Euro. Aber dafür ist er nicht zu haben.

GaloppOnline.de: Was haben Sie nach Dubai mit Titurel geplant?

A. Steigenberger: Es wird nicht so sein, dass wir bei ihm womöglich die Kondition ausspielen wollen. Er erhält erst einmal eine Pause. Er bevorzugt ohnehin keinen zu weichen Boden. Starts in Deutschland sind durchaus vorstellbar, aber es geht natürlich auch wieder ins Ausland mit ihm.

GaloppOnline.de: Ist es überhaupt seit ihrem Neueinstieg in den Rennsport die bevorzugte Philosophie, Pferde kaufen – verkaufen. Man denke nur an Peligroso, den Sie 2008 im Herbst nur wenige Wochen in ihrem Besitz hatten und den sie dann unmittelbar nach seinem Erfolg im Herzog von Ratibor-Rennen an Godolphin verkauften?

A. Steigenberger: So ganz weg vom Rennsport war ich ja nie, aber sicherlich ist dies inzwischen meine Philosophie. Zu meinen Spitzenzeiten habe ich soviel in den Rennsport investiert, dass es die Grenzen überschritt. Das kann ich mir heute nicht mehr leisten. Früher habe ich zum Beispiel Pferde solange gehalten, bis ich sie als Reitpferd verschenkt habe.

Oder aber mich aus emotionalen Gründen nicht trennen konnte. Ich denke zum Beispiel an Winwood, für den ich damals ein Angebot von 800.000 Mark auf dem Tisch liegen hatte. Ich habe ihn behalten und später als Deckhengst nach Österreich verkauft.

GaloppOnline.de: Wir gehen nicht davon aus, dass Sie auch nur die Hälfte des Angebots bekommen haben?

A. Steigenberger: Es gab lediglich 20.000 Mark.

GaloppOnline.de: Wie gehen Sie jetzt genau vor?

A. Steigenberger: Ich versuche, Jährlinge oder auch zwei- und dreijährige Pferde relativ günstig zu kaufen. Das Ziel ist, sie später mit Profit zu verkaufen. Vor alem die Zusammenarbeit mit Manfred Hofer aber auch mit meinen anderen Trainern ist dabei sehr eng und wertvoll. Von Pferden, die nicht meinen Erwartungen entsprechen, werde ich mich in Zukunft schnell trennen. Das heißt aber nicht, dass diese Pferde ihrem neuen Besitzer keinen Spaß machen werden. Er kann das Potenzial dieser Pferde doch durchaus nutzen. Aber ich habe früher in der Champions-League gespielt und dort auch gewonnen.

So werde ich jetzt nicht in der 2. Bundesliga spielen oder anders ausgedrückt, Ausgleich II- oder III-Pferde in Training halten. Es könnte aber auch der Fall eintreten, dass ich mich sogar vor dem Derby von einem potenziellen Anwärter bei einem entsprechenden Gebot trennen würde. Ich habe auch dieses Rennen schon gewonnen, da sieht man die Dinge gelassener. Das klingt vielleicht arrogant, aber es ist so.

GaloppOnline.de: Sie sind also auch ständig auf der Suche nach neuen Pferden?

A. Steigenberger: Ja, natürlich. Ich halte überall Augen und Ohren offen. Im letzten Jahr war ich zum Beispiel länger an Sordino dran. Aber ich habe den späteren Derby-Zweiten leider nicht kaufen können.

GaloppOnline.de: 2008 waren Sie wohl nur ganz kurz im Besitz von Peligroso, der das Herzog von Ratibor-Rennen gewann und anschließend an Godolphin verkauft wurde?

A. Steigenberger: Das war eine Geschichte, die wie im Traum ablief. Eine Woche vor der Entscheidung des Krefelder Herzog von Ratibor-Rennens war ich zu 50 Prozent an dem zweijährigen Hengst eingestiegen. Dann gewann er das Krefelder Gruppe-Rennen und schon unmittelbar danach zeigte Godolphin Interesse. Der Deal ging dann schnell über die Bühne. Ich war lediglich rund zwei Wochen im Mitbesitz von Peligroso, es war also ein optimales Geschäft.

GaloppOnline.de: Was hat Godolphin eigentlich für Peligroso bezahlt?

A. Steigenberger: Der Betrag lag für meinen Anteil im hohen sechsstelligen Bereich.

GaloppOnline.de: Wieviele Pferde haben Sie aktuell in Training und in welchem Umfang möchten Sie in Zukunft den Rennsport betreiben?

A. Steigenberger: Zu hundert Prozent für den Stall Steigenberger sind zwölf Pferde in Training. Aufgeteilt auf die Trainer Mario und Manfred Hofer, Waldemar Hickst, Peter Schiergen, Uwe Stoltefuß und Andreas Wöhler. Hinzu kommen drei Pferde in Training, an denen ich beteiligt bin. Aktuell ist mir diese Größenordnung schon wieder zu viel. Ich möchte in dieser Saison nach Anzahl der Pferde herunterfahren. Ich züchte schließlich auch noch mit fünf Mutterstuten.

GaloppOnline.de: Wo sind die Stuten beheimatet?

A. Steigenberger: In Deutschland in den Gestüten Etzean, Brümmerhof und Römerhof, in Irland im Castlehyde Stud und in England im Genesis Green Stud von Michael Swinburn. Das ist der Bruder von Walter Swinburn.

GaloppOnline.de: Wer sind im Derby-Jahrgang die großen Hoffnungen?

A. Steigenberger: Natürlich der im Preis des Winterfavoriten unglücklich unterlegene Kite Hunter. Er soll entweder auf die italienischen 2000 Guineas marschieren oder im Frühjahrspreis des Bankhaus Metzler laufen. Bei Waldemar Hickst hat man von dem bislang noch ungeprüften Mulan eine sehr gute Meinung. Bei Andreas Wöhler wird die Stute Pragelata recht hoch eingeschätzt, auch sie ist noch nicht gelaufen.

GaloppOnline.de: Zur aktuellen Situation im Rennsport. Die heutige Krise unterscheidet sich wohl noch von früheren nicht zuletzt dadurch, dass aktuell die rennsportliche Existenz tatsächlich auf dem Spiel steht Wie stufen Sie die Lage ein?

A. Steigenberger: Ich denke, dass die aktuelle Situation im deutschen Rennsport schlimmer ist, als jemals befürchtet. Der Rennsport hat in den letzten Jahren in allen wichtigen Situationen den Zug verpasst. Ob es bei Lotto war oder aber das neue Internetzeitalter. Jetzt muss man sich zum Beispiel mit RaceBets ein glänzendes Internetportal teuer erkaufen. Warum war man nicht in der Lage, ein ähnliches, sehr gutes Portal selbst aufzubauen? Es ist einfach trostlos, der Rennsport ist stets der Zeit hinterher gelaufen.

GaloppOnline.de: Und konkret zur aktuellen Situation?

A. Steigenberger: Einen großen Hoffnungsträger sehe ich in Albrecht Woeste. Wie er die Sache mit unternehmerischem Sachverstand und rennsportlicher Passion in die Hand nimmt, ist einfach bemerkenswert. Er ist für den deutschen Rennsport wie ein „Sechser im Lotto“. Die Zeit mit seinem Vorgänger war eine verplemperte Zeit. Ich möchte aber auch zum Beispiel Manfred Ostermann oder Gregor Baum erwähnen. Sie geben mit ihren großen Engagements Hoffnung. Man muss sich nur einmal in Hannover umsehen, wie viel Positives Gregor Baum in einer trostlosen Zeit geschaffen hat.

GaloppOnline.de: Haben Sie sich auch als Investor bei German Racing beteiligt?

A. Steigenberger: Ja, ich habe mich im Rahmen meiner Möglichkeiten beteiligt. Ich wünschte mir aber auch, dass ich mich mit meiner Person wieder verstärkter in die Belange des Rennsports einbringen dürfte. Durch mein gesundheitliches Handicap konnte ich früher nicht die zuverlässige Größe sein, als die man mich sicher gerne gesehen hätte.

GaloppOnline.de: In besten Zeiten besaßen Sie rund 40 Mutterstuten, aufgestellt in Römerhof, hielten 60 oder mehr Pferde in Training. Sie investierten immer wieder in teure Jährlinge oder Mutterstuten. Hatten Sie irgendwann den finanziellen Rahmen gesprengt?

A. Steigenberger: Ja! Und mit einem Ausrufezeichen dahinter.

GaloppOnline.de: Vertreten Sie immer noch die Meinung, dass man eine kleine Vollblutzucht profitabel betreiben kann?

A. Steigenberger: Ich bin immer noch der Meinung, dass dies zu realisieren ist. Allerdings ist dies in Deutschland schwieriger, als in früheren Jahren. Die Zahl der Mutterstuten sollte nicht mehr als etwa acht Köpfe umfassen. Den Rennstall sollte man möglichst klein halten. Ein Beispiel für eine gute, und ich denke rentable Zucht, ist die von Dr. Klaus Schulte. Seine Stuten sind von guter Qualität, er hat ein gutes Gespür für die Auswahl der Deckhengste und er hat mit dem Gestüt Etzean, wo seine Stuten beheimatet sind, eine hervorragende Aufzuchtstätte. Dort stimmt nicht nur die Aufzucht sondern auch die spätere Vermarktung der Pferde.

GaloppOnline.de: Von welchen Fehlern haben Sie am meisten gelernt? Geht es um Menschen oder Pferde?

A. Steigenberger: Um beides. Meine Haltung gegenüber Menschen aufzutreten war stets, dass ich sympathisch, freundlich, rücksichtsvoll und gutmütig war. Das Fazit war dann oft, dass dies für Andere gut und schlecht für mich selbst war. Bei Pferden hatte ich bereits erwähnt, dass ich mich zu spät von vielen getrennt habe. Kein Fehler war zum Beispiel, dass ich das Werk von Walther J. Jacobs teils kopiert und nicht versucht habe, alles neu zu erfinden.

GaloppOnline.de: Die FAZ berichtete kürzlich im Zusammenhang mit dem Verkauf der Steigenberger-Hotelkette – die Familie behielt lediglich noch die Immobilien von drei ihrer Hotels in Davos, Airport-Frankfurt und Frankfurter Hof -, dass das Leben von Albert Steigenberger tragisch verlaufen sei. Wörtlich hieß es : Albert Steigenberger bricht sein Studium ab und lässt sich sein Erbe auszahlen, immerhin stolze 25 Million Mark. Danach verbringt er viel Zeit auf der Rennbahn und sorgt mit Alkoholproblemen und Frauengeschichten für Schlagzeilen in Boulevardzeitungen.“ Was empfinden Sie, wenn Sie über diesen Text nachdenken?

A. Steigenberger: Ich empfinde Ärger und Traurigkeit darüber, dass ich nach dem Tod meines Vaters zu ungeduldig war und mit immensem finanziellen Aufwand Erfolg gesucht, aber auch gefunden hatte und dass ich meine Biografie durch meine Alkoholabhängigkeit in der Tat sehr negativ beeinflusst habe. Trotzdem dürften Millionen von Menschen, um an den FAZ-Artikel weiter anzuknüpfen, eher glücklich gewesen sein, wenn ihr Leben so „tragisch“ verlaufen wäre. Zudem würde ich mich freuen, wenn an den Frauengeschichten mehr dran gewesen wäre.

GaloppOnline.de: Was macht Albert Steigenberger aktuell beruflich?

A. Steigenberger: Ich betreibe zwei Blumenläden in den Bahnhöfen in Düsseldorf und Bochum. Und ich muss sagen, dass dieser Beruf mich sehr glücklich macht und ich sehr zufrieden bin.

(26.02.2010)