Interview/Jockey Talks

Mit P. v. DeKeere

GaloppOnline.de: Guten Tag Herr van de Keere. Wie geht es Ihnen? Man hat lange nichts mehr vom Reiter Pascal van de Keere gehört. Was sind die Gründe und was machen Sie zur Zeit?

Pascal van DeKeere: Ich habe nach der Großen Woche in Baden-Baden, wo ich übrigens immer sehr gerne hingefahren bin, und nachdem es immer schwieriger im Rennsport wurde, entsprechende Ritte zu bekommen, die einem auch Chancen einräumen, eine Auszeit genommen. Teils habe ich dies aus Verärgerung gemacht auf Grund der momentanen Situation, teils hat die Gesundheit es wieder verlangt, etwas kürzer zu treten. Ich arbeite heute für eine Firma aus Brüssel im Bereich Public Relations.

Dabei kommen mir meine Sprachkenntnisse sehr entgegen. Englisch, französisch, flämisch und deutsch. Meine Frau und ich haben uns zwar zurückgezogen, aber das heißt nicht, dass wir uns gänzlich vom Rennsport distanziert haben. Ich verfolge das Geschehen in Belgien, Holland, Frankreich und besonders in Deutschland nach wie vor sehr aufmerksam.

GaloppOnline.de: Im Jahr 1996 haben Sie in Deutschland, genauer gesagt mit einem Engagement bei Uwe Ostmann begonnen – zu Zeiten, als auch ein Georg Bocskai erster Mann am Diana-Stall war – und Sie hatten sehr erfolgreiche Jahre mit bestimmt schönen Erinnerungen, auch an die anschließende Zeit bei Ralf Suerland in Köln.

Pascal van DeKeere: Ja, das ist wohl wahr. Damals geschah das in Belgien und Holland, was wir heute in Deutschland erleben müssen. Es ging Jahr für Jahr rückwärts. Ich ritt viele Jahre drei- bis viermal in der Woche, schließlich nur noch einmal.

Die Perspektive bei Uwe Ostmann war ausgezeichnet, ich war gewohnt auf hohem Niveau zu reiten und Erfolg zu haben, das war für mich immer die Motivation. Und solche Pferde wie Trudeau, Gonlargo oder Peppercorn vergisst man eben so wenig, wie die Zeit danach bei Ralf Suerland, wo Sharp Domino, Landroval und vor allen Dingen Miss Tobacco und Ocasas Düsseldorfer Sensationserfolg für Peter Remmert auf knöcheltiefer Bahn immer einen besonderen Stellenwert haben werden. Es war aber auch immer ein hoher Preis zu zahlen.

Meine Frau und ich hatten damals drei Kinder mit in unsere Ehe gebracht und die sahen ihren Vater kaum, weil ich mir in Mülheim ein Appartement gemietet hatte und die meiste Zeit dort lebte. Aber der Erfolg stand damals über allem. Und meine Frau war mir immer ein besonderer Rückhalt; ihr Verständnis wurde oft auf eine harte Probe gestellt.

GaloppOnline.de: Was waren die Stärken und Schwächen in Ihrer Laufbahn? Wie sah es mit Verletzungen in der Vergangenheit aus?

Pascal van DeKeere: Das müssen andere beurteilen. Ich glaube aber, dass ich mich immer intensiv vorbereitet habe und meine Chancen in den jeweiligen Rennen gut einordnen konnte. Das Lesen der Prüfungen und eine gute Lage im Rennen gehörten dazu. Daneben hat die Gesundheit nicht immer mitgespielt. Das Rennen mit Denaro 2003 in Neuss, bei dem ich unter Medikamenteneinfluss stand, war mein größter Fehler, für den ich meine Strafe erhalten habe und aus dem ich Konsequenzen gezogen habe. Heute weiß ich meinen Körper besser einzuschätzen.

Sollte die Gesundheit nicht mitspielen, ziehe ich die Konsequenzen. Fußbrüche, Beinbruch, Schulterbruch, Nieren-und Leberriss, Klinikaufenthalte, das bringt der Beruf schon mal mit sich, aber letztendlich nichts Ernsthaftes, von schwereren Verletzungen bin ich gottseidank verschont geblieben.

GaloppOnline.de: Wie fühlen Sie sich heute? Spielt der Rennsport in Ihren Überlegungen noch eine Rolle? Sie galten in der Vergangenheit als Sandbahnkönig der Wintersaison.

Pascal van DeKeere: Die Zeiten, wo ich zwischen 80 und über 120 Rennen pro Saison gewonnen habe, kommen sicher nicht zurück. Ich fühle mich mit 46 Jahren allerdings noch nicht zum alten Eisen zugehörig und kann jede Menge Erfahrung in die Waagschale werfen. Soll heißen, dass ich mich wieder gut fühle und mir auch vorstellen kann, demnächst wieder in den Sattel zu steigen.

Ich bin körperlich fit, treibe regelmäßig Sport und habe mit 50 kg Körpergewicht keinerlei Gewichtsprobleme. Ehrlich gesagt, es juckt schon ein wenig, meine gute Verfassung auch wieder im Rennen unter Beweis zu stellen. Mal sehen, was die Zeit bringt. Es ruft natürlich kein Trainer an in der heutigen Zeit; man muss sich das Vertrauen erst wieder erarbeiten und sich akribisch um Ritte kümmern.

Auf der Sandbahn wurde auch immer der sportliche Ehrgeiz geweckt. Ich mag diese Rennen, gerade im belgischen Ghlin hat man einen Belag geschaffen, auf dem es Spaß macht und die Pferde sich meines Erachtens wohlfühlen.

GaloppOnline.de: Was macht die Bahn in Ghlin denn aus?

Pascal van DeKeere: Der Belag ist nicht so fest wie in Deauville. Die Bahn ist schwerer, aber es fliegt kein Dreck, eine Wohltat für die Pferde. Es passieren auch eindeutig weniger Unfälle, die Verletzungsgefahr ist erwiesenermaßen wesentlich geringer als auf Gras. Das Geläuf ist fair, wenn auch zur Hälfte schwer und zur Hälfte fest von der Konsistenz her. Baumwollfäden verhindern außerdem diesen Kick-Back-Effekt.

Und du brauchst nur eine Rennbrille, während ich in Neuss oder Dortmund zwei bzw. drei übereinander getragen habe. Das wäre vielleicht auch einen deutlichen Hinweis für die Neusser wert, dort soll ja ein neuer Belag kommen. Ich kann den Offiziellen nur empfehlen, sich das belgische Modell einmal anzuschauen. Momentan ist allerdings Pause. Die Rennen beginnen erst wieder im Januar/Februar.

GaloppOnline.de: Wie geht es dem Rennsport in Belgien denn generell?

Pascal van DeKeere: Nach meinen Informationen veranstaltet man regelmäßig auf niedrigem Niveau. In Ghlin gibt es im Wechsel Trab- und Galopprennen während einer Veranstaltung. Ostende ist ein sehr trauriges Kapitel. Die Bahn steht unter Denkmalschutz, ein Traum für jeden Jockey, dort zu reiten. Die Zeiten wo Theo Grieper oder Heinz Jentzsch dorthin gereist und gepunktet haben, sind längst Geschichte. Zuletzt hatten wir dort etwa 10 Renntage in den Sommermonaten, davon werden wohl 6 Veranstaltungen demnächst von Ghlin auf der Sandbahn übernommen. Es ist eine Schande.

GaloppOnline.de: Was sagen Sie zur Situation des Rennsports in Deutschland?

Pascal van DeKeere: Wir sind auf dem besten Weg zu holländischen bzw. belgischen Verhältnissen in Deutschland, das habe ich vor Jahren schon gesagt. Man muss die Basisrennen wieder stärken und vor allen anderen Dingen die Medienpräsenz des Sports wieder in den Vordergrund rücken.

Ein deutsches Equidia, das einer breiten Öffentlichkeit zugänglich ist, wäre ein Traum. Ich habe das nie verstanden, warum man das Kind „Telewette” und die Rennquintett-Rennen so hat fallen lassen müssen. Ohne Medien hat kein Sport der Welt in der heutigen Landschaft eine Chance, vom Medium Internet ganz zu schweigen.

GaloppOnline.de: Wie geht es bei Ihnen demnächst weiter?

Pascal van DeKeere: Ich habe etwa 12 Jahre in Deutschland geritten und das sehr gerne getan. Auf diesem Weg noch einmal vielen Dank an alle die Besitzer und Trainer, die mir das Vertrauen geschenkt haben. Ich kann mir das wie gesagt vorstellen, wieder in den Sattel zu steigen. Die Zeit wird es zeigen.

(06.01.2009)