Interview/Jockey Talks

Mit M. Ostermann

GaloppOnline.de: Wie beurteilen Sie den aktuellen Stand in Sachen Strukturreform?

Manfred Ostermann: Wir müssen die Umsetzung der Strukturreform in einem größeren Zusammenhang als bisher bewerten. Ein wichtiger, bis dato nicht kalkulierter Faktor, ist mit der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise für uns alle im Oktober 2008 hinzugekommen. Diese grundsätzlich veränderte Gesamtsituation hat nachhaltig die Investorengespräche geprägt. Ein Stichwort hierzu, was jedem einleuchtet, ist die deutlich veränderte Währungsrelation des englischen Pfundes zum Euro.

GaloppOnline.de: Kann man den aktuellen Stand einzig und allein auf die Wirtschaftskrise schieben?

Manfred Ostermann: Die Wirtschaftskrise ist sicher ein wichtiger Faktor, allerdings nicht der einzige. Andere Konstellationen in der Vertragsgestaltung waren nachhaltig zu verändern. Grundsätzlich steht es jedem Verhandlungspartner zu, bis zur letzten Sekunde vor der Unterschrift Vertragsmodalitäten zu verändern.

GaloppOnline.de: Sind die Gespräche mit der englischen Buchmacherkette Coral somit beendet worden?

Manfred Ostermann: Definitiv kann ich dieses verneinen, wir sind nach wie vor im internationalen Markt tätig und dort auch besonders mit Coral in weiterführenden Gesprächen.

GaloppOnline.de: Wie sehen Sie den weiteren zeitlichen Ablauf?

Manfred Ostermann: Wie ich bereits sagte, finden am 08. Januar wesentliche Gespräche im internen wie auch im externen Kreis der Direktoriumsführung statt. Die Resultate dieser Beratungen werden am 14. Januar dem Direktoriumsvorstand vorgestellt, wo dann eine weiterführende Grundsatzentscheidung aller tragenden Gremien des Rennsports erfolgen wird.

GaloppOnline.de: Wer verhandelt für das Direktorium, und wer hat diese Personen beauftragt?

Manfred Ostermann: Die Gespräche seitens des deutschen Rennsports werden von einer Verhandlungskommission, unter Einbeziehung der Geschäftsführung der DVR-Wirtschaftsdienste geführt. Es sind dies für die Rennvereinsseite die Herren Albrecht Woeste und Ferdinand-Alexander Leisten, für die BV-Seite die Herren von Schubert und Tiedtke, sowie für die Geschäftsführung der Wirtschaftsdienste Herr Halm. Über den Fortgang der einzelnen Gespräche wird dem DVR-Vorstand berichtet. Bei wichtigen Entscheidungen zwischen den Vorstandssitzungen werden der Präsident, der Vizepräsident und der Vorsitzende der BGG, also die Herren Borchert, Vogel und meine Person, zeitnah unterrichtet. Die Mitglieder der Verhandlungskommission sind vom Vorstand des DVR e.V. einstimmig benannt worden.

GaloppOnline.de: Mit welchen eventuellen Partnern wurde in den vergangenen beiden Jahren gesprochen? Warum gab es kein greifbares Ergebnis, über das man nun weiterverhandeln kann?

Manfred Ostermann: Wie bereits auf verschiedenen Veranstaltungen öffentlich dargestellt, wurden mit über 20 individuellen Partnern oder Investorengruppen Verhandlungen begonnen, die bis zu unterschiedlichen Stadien geführt worden sind. Wir haben keine „start up“-Phantasien vorzulegen, sondern ein umfangreiches Zahlenwerk, das den Wettbewerb analysiert und unsere Position in diesem Wettbewerb realistisch darstellt. Ob und inwieweit eine Wiederaufnahme möglich ist, hängt letztendlich davon ab, ob die Verhandlungen, die zur Zeit geführt werden, nicht zum Erfolg führen und eine von uns zu fordernde Interessen-Identität zwischen Investor und Rennsport gegeben ist.

GaloppOnline.de: Was passiert mit den Mitteln des Zukunftsfonds?

Manfred Ostermann: Zum Zukunftsfonds hört und liest man immer sehr abenteuerliche Zahlen und Überlegungen. Der Zukunftsfonds wir gespeist auf Besitzerseite mit 1% von Rennpreisen, Züchterprämien und sonstigen Ausschüttungen, dies sind ca. 200.000 Euro pro Jahr, mit einer Festsumme der Rennvereine (81.000 Euro) und mit einer Abgabe der Aktiven über ihre Prozente. Diese Summe von insgesamt weniger als 400.000 Euro pro Jahr wird ausschließlich für die Zwecke der Strukturreform verwandt. Es sind dies insbesondere Rechtsberatungskosten, die entstehen durch die Notwendigkeit, sämtliche Verträge, sei es mit den Rennvereinen, sei es mit dem Investor, insbesondere auf ihre kartellrechtliche Unbedenklichkeit zu prüfen. Bei jeder Rechtsbeziehung, die wir eingehen, ist der Bestand der Gemeinnützigkeit des e.V. sicherzustellen. Wer sich an die in der Vergangenheit geführten Buchmacherprozesse und deren immense Kosten erinnert, wird verstehen, dass wir bei einem eigenen Investment sehr viel Wert darauf legen, in jeglicher Form rechtlich abgesichert zu sein. Mit den Mitteln des Zukunftsfonds wird im Rahmen der DVR-Wirtschaftsdienste an der Marktfähigkeit gearbeitet. Ein geringer Teil der Mittel fließt u.a. in Personalkosten und Aufwendungen, die im direkten Zusammenhang mit der Ausarbeitung der Verträge verwandt wurden. So hat das Direktorium erstmalig in seiner Geschichte einen Controller beschäftigt, der die Vertragsverhandlungen mit aufbereitetem Zahlenmaterial begleitet. Ein Teil der Arbeitskraft des kaufmännischen Leiters des Direktoriums, als auch ein Teil der Arbeitskraft des Geschäftsführers der Wirtschaftsdienste wird u.a. aus diesem Zukunftsfonds beglichen. Die Mitgliederversammlung des Direktoriums im Jahr 2007 hat einstimmig den Zukunftsfonds aus dem e.V. in die operative Einheit DVR-Wirtschaftsdienste gelegt, um unabhängig vom Geld eines möglichen Interessenten die notwendigen rechtlichen Vorbereitungen treffen zu können. Wie bei seiner Installation angekündigt, läuft der Zukunftsfonds am 30.06.2009 automatisch aus.

GaloppOnline.de: Wie gehen Sie mit der an vielen Stellen geäußerten Kritik an der Informationspolitik um?

Manfred Ostermann: Als Demokrat kann ich die kritischen Haltungen von vielen Personen sehr gut nachvollziehen. Ich kann auch nachempfinden, dass eine Besorgnis in breiten Kreisen des Galopprennsports aufgetreten ist. In der aktuellen Verhandlungssituation befinden wir uns in einem schwierigen und sehr komplexen Verfahren. Über alle Schritte im Detail kann und darf man aus Gründen der Seriosität und der Glaubwürdigkeit gegenüber seinen Verhandlungspartnern nicht öffentlich berichten. Seitens der Besitzervereinigung haben wir aber trotzdem mit Informationsschreiben vom 21. November und vom 15. Dezember 2008 unsere Mitglieder über den Stand, den das Präsidium verantworten kann, informiert. Ebenso verantwortungsvoll werden wir auch auf den offenen Brief, der zwischen den Feiertagen erschienen ist, reagieren und sowohl die Unterzeichner persönlich anschreiben als auch eine Breiteninformation hierzu an alle weiteren Mitglieder der Besitzervereinigung geben. Der Grundsatz muss aber gewahrt bleiben: Wirtschaftliche Verhandlungen dürfen nicht durch vorzeitige Presseinformationen tangiert werden.

GaloppOnline.de: Sie glauben also nach wie vor an eine erfolgreiche Umstrukturierung des Galopprennsports?

Manfred Ostermann: Die Umstrukturierung muss und wird auch erfolgen. Der jetzt eingeschlagene Weg ist der absolut richtige. Entscheidend wird sein, in welcher wirtschaftlichen Konstellation wir die Umsetzung der Strukturreform realisieren. Dieses wird sich für meine Begriffe kurzfristig abzeichnen.

GaloppOnline.de: Szenerien, in Deutschland in wenigen Jahren holländische Verhältnisse zu haben, sind also unangebrachte Schwarzmalerei?

Manfred Ostermann: Diese Frage kann ich eindeutig mit „Ja“ beantworten, das ist Schwarzmalerei! Der deutsche Rennsport wird weiter existieren. Wir müssen uns aber im Klaren sein, dass auch der Galopprennsport, wie andere Branchen auch, eventuell durch schwierige wirtschaftliche Zeiten gehen kann. Das bedeutet, dass sich für alle Beteiligten im Rennsport Veränderungen ergeben könnten. Je nachdem, wie intensiv wir von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen getroffen werden.

GaloppOnline.de: Ist es möglich, dass Außenstehende die Inhalte der Strukturreform vielleicht nur nicht richtig verstehen?

Manfred Ostermann: Es handelt sich tatsächlich um eine sehr komplexe Materie. Daher könnte es erhebliche Verständnisdefizite in der Breite der Rennsportgemeinde geben. Das liegt aber sicher in der Schwierigkeit der Grundsatzthematik, denn es gibt sehr umfangreiche wirtschaftliche und technische Zusammenhänge, die nicht einfach zu verstehen sind. Es gibt sehr unterschiedliche Ansprüche und Forderungen an die Strukturreform seitens verschiedenster Interessensgruppen. So haben die Beteiligten wie Investoren, Rennvereine, Besitzer, Buchmacher, Aktive oder auch Dienstleister allesamt unterschiedliche Ziele, denen das neue Konstrukt gerecht werden muss. Allein daran wird klar, wie schwierig es ist, die variierenden Wünsche aller Parteien zu realisieren.

GaloppOnline.de: Von deutscher Buchmacherseite gibt es kritische Stimmen zur Strukturreform und einem englischen Buchmacher als Investor. Was entgegen Sie dieser Kritik?

Manfred Ostermann: Unser Ziel ist es das Produkt Pferderennen in Deutschland stark zu verbessern. Daran sollte jeder Partner des Galopprennsports interessiert sein. Dabei ist es egal, aus welchem Lager der Investor kommt, ob von nationaler oder internationaler Seite. Von einem besseren Produkt würden alle partizipieren: Wir möchten Renntage entzerren. Wir möchten unter der Woche wieder mehr Rennveranstaltungen stattfinden lassen. Wir möchten attraktivere Bilder erstellen und neue Wettprodukte entwickeln. Wir möchten die finanzielle Basis verbessern, um hierüber das sportliche Niveau zu halten oder sogar noch zu steigern. Für unsere Vertriebspartner, wie auch für unsere Kunden, muss ein attraktiveres Produkt Galopprennsport entstehen. Alle Beteiligten sollen von der Strukturreform profitieren, natürlich auch unsere Vertriebspartner.

GaloppOnline.de: Wie nun bekannt wurde, wurde in Frankfurt ein neuer Verein gegründet. Wie beurteilen Sie die Lage am Main?

Manfred Ostermann: Jegliche Aktivitäten die sich jetzt in Frankfurt abzeichnen werden seitens der Besitzervereinigung in hohem Maße begrüßt und auf Wunsch natürlich auch unterstützt. Frankfurt ist eine wichtige Achse auf der Nord-Südverbindung und ein hochattraktiver Rennbahnstandort. Aufgrund seiner überaus positiven Infrastruktur, einer Region mit exzellenten wirtschaftlichen Eckdaten, muss der Rennsport in Frankfurt einfach präsent sein. Ich wünsche daher dem neuen Team viel Glück bei den anstehenden wichtigen Gesprächen mit der Stadtverwaltung.

GaloppOnline.de: Wie lange sind Sie motiviert, sich weiter so hart und zeitintensiv für das Vorhaben Strukturreform einzusetzen?

Manfred Ostermann: Ich möchte die Frage in einer anderen Form beantworten. Es gibt sehr viele verantwortungsbewusste Personen im deutschen Rennsport, die vielleicht nicht so sehr im öffentlichen Fokus stehen, aber sich extrem intensiv und kompetent den bisherigen Aufgaben gewidmet haben. Dies mit einem Zeitaufwand, der normalerweise ehrenamtlich nicht zu vertreten ist. Ich bitte nochmals zu verstehen, dass wegen der geschilderten Gründe noch kein Ergebnis zu präsentieren ist. Ich kann ihnen aber versichern, dass ein Team von ca. zwanzig Personen weiter sehr nachhaltig an der erfolgreichen Umstrukturierung des deutschen Rennsports arbeitet. Tatsächlich müssen aber alle mit ins Boot. Alle Rennsportbeteiligten sollten sich engagieren, nur dann kann die Sache Erfolg haben!

(09.01.2009)