Interview/Jockey Talks

Mit J.P. Carvalho

„Habe mich für das Haifischbecken Chantilly entschieden“

GaloppOnline.de: Herr Carvalho, warum haben Sie im vergangenen Herbst ihren Trainingsbetrieb in Frankfurt eingestellt?

Jean-Pierre Carvalho: Die Gründe dafür, warum ich mich dazu entscheiden musste, Frankfurt zu verlassen sind ja aus der Presse hinlänglich bekannt. Die dort neu, aber leider unsachgemäß gebaute Trainingssandbahn, auf der sich meines Erachtens gleich einige meiner Pferde im Training verletzt haben, war nur ein entscheidender von mehreren Gründen.

GaloppOnline.de: Warum haben Sie dann nicht einen anderen Standort in Deutschland gewählt?

Jean-Pierre Carvalho: Die Situation im deutschen Galoppsport ist – bei aller Sympathie für meine Kollegen vor Ort – dann doch so, dass ich einen Wechsel ins Ausland für ratsam gehalten habe. German Racing ist sicherlich eine lobenswerte Initiative, aber ich bin mir nicht sicher, ob es in zehn Jahren noch den Galoppsport so in Deutschland geben wird, wie das heute der Fall ist. Für Frankreich sieht meine Prognose da schon anders aus. Und was bietet sich da für einen gebürtigen Franzosen wie mich an? Ich bin 40 Jahre alt, habe zwei Kinder. Und ich habe mir die Frage gestellt: Was ist in zehn oder zwanzig Jahren? Wo will ich stehen und wo will ich dann leben und arbeiten?

GaloppOnline.de: Was hat den Ausschlag für Chantilly gegeben?

Jean-Pierre Carvalho: Als es in Frankfurt zu Ende ging, habe ich zunächst ergebnisoffen überall geschaut. Schließlich habe ich mich für das Haifischbecken Chantilly entschlossen. Hier ist die Konkurrenz am Größten. Aber davor fürchte ich mich nicht.

Es war ein alter Traum von mir, in Chantilly tätig zu sein. Ich wollte mich nicht in der Provinz verstecken. Ich bin vielleicht nicht unbedingt besser, aber auch nicht schlechter als die Konkurrenz hier vor Ort.

GaloppOnline.de: Wie viele Pferde und Eigentümer betreuen Sie zurzeit?

Jean-Pierre Carvalho: Ich habe derzeit 25 Pferde von 6 Besitzern.

GaloppOnline.de: Was sind ihres Erachtens die Gründe, weshalb sich ein deutscher Eigentümer für den Standort Chantilly entscheiden sollte?

Jean-Pierre Carvalho: Natürlich die besseren französischen Dotierungen und die kurzen Wege zu diesen Rennen. Schauen Sie sich jede Woche in der Sport-Welt die lange Liste von deutschen Startern in Frankreich an. Was das jedes Mal für ein Aufwand ist, die Pferde über hunderte von Kilometern hierher zu transportieren.

Und dann die Kosten! Wenn sie ein Pferd einzeln transportieren lassen, zahlen sie gut und gerne 1500 Euro für eine Reise – und dann kommen sie schon aus den eher grenznahen Regionen in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder Hessen.

Vergessen sie nicht den Transportstress für die Tiere, der sich manches Mal auch leistungsmindernd auswirken kann. Andererseits erhält man bei den PMU-Renntagen für in Frankreich trainierte Pferde einen Gutteil der Transportkosten sogar noch zurückerstattet. Am Ende eines Jahres, das versichere ich Ihnen, ist im Normalfall der Trainingsunterhalt für ein Pferd in Frankreich günstiger als in Deutschland.

GaloppOnline.de: Ist es nicht bei der Vielzahl von Prüfungen auch leichter, passende Rennen zu finden?

Jean-Pierre Carvalho: Natürlich. Wir haben hier an jedem Tag Rennen und dadurch eine viel größere Auswahl. Man hat also ganz anders die Möglichkeit, leistungs- und distanzmäßig passende Rennen für ein Pferd zu finden und kann es auf diese Weise auch besser fördern. Wenn man ein bestimmtes Rennen verpasst hat, muss man in Deutschland unter Umständen einen Monat warten, bis man wieder eine Prüfung gleichen Zuschnitts findet.

In München gab es doch bis vor zehn, fünfzehn Jahren 23 Renntage, heute nicht einmal mehr die Hälfte. Da ist es doch kein Wunder, dass sie als mittelständischer Trainer keine passenden Rennen mehr finden, wenn sie nicht dauernd gegen die ganz großen Ställe laufen wollen. In Frankreich schaut man einfach in die Liste für die nächste Woche.

Das komplette Interview lesen Sie in der kommenden Woche in der Sport-Welt.

(23.08.2012)