Interview/Jockey Talks

Mit Chr. Berglar

GaloppOnline.de: Wo haben Sie den Erfolg von Novellist genau erlebt und ab welchem Zeit des Rennens waren Sie sich des Sieges sicher?

Dr. Christoph Berglar: Wir, d.h. meine Frau, ich, Sohn Martin mit Frau und Baby Julian sowie unser jüngster Sohn Antonius und Tochter Dorothea, die in Cambridge studiert, waren zusammen mit Trainer Andreas Wöhler Gäste der Ascot Racing Authority und als solche in deren Clubraum im Grand Stand untergebracht. Von der Tribüne des Clubraums aus, auf Höhe der Ziellinie, konnten wir das Renngeschehen verfolgen. Ich hatte eigentlich schon kurz nach dem Start ein sehr gutes Gefühl als ich sah, dass es ein hohes Tempo gab und Novellist völlig relaxed an vierter Stelle galoppierte. Ende des Schlussbogens konnte man bereits sehen, dass wir im Endkampf sein würden. Dann ging ja alles blitzschnell, und so wurden die letzten 300 m zu einer wunderbar entspannten Angelegenheit. Es war halt nicht mehr spannend, sondern nur noch reiner Genuss!

GaloppOnline.de: Kann man den Triumph in Ascot als Ihren größten Tag im Rennsport bezeichnen und glauben Sie, dass dieses in irgendeiner Form überhaupt noch zu toppen wäre?

Dr. Christoph Berglar: Den ersten Teil der Frage beantworte ich mit einem eindeutigen 'ja'. Mit dem zweiten Teil werde ich mich nicht beschäftigen.

GaloppOnline.de: Nach dem Ausfall von St Nicholas Abbey verloren die King George nur wenige Tage vor dem Rennen den großen Favoriten. Die Dreijährigen in ganz Europa genießen nur einen mittelmäßigen Ruf und Cirrus des Aigles scheint als Siebenjähriger nach einem weiteren Sehnenschanden seine besten Tage hinter sich haben. Wie bewerten Sie die Qualität des Rennens auch im Vergleich zu Saint-Cloud?

Dr. Christoph Berglar: Die Beantwortung möchte ich unbefangenen Sachverständigen überlassen. Die verletzungsbedingte Abwesenheit von St. Nicholas Abbey habe ich sehr bedauert, er war ein Großer, aber an diesem Tag hätte er es gegen Novellist sehr schwer gehabt.

GaloppOnline.de: Wie vergleichen Sie die King George am Wochenende mit den von Danedream gewonnen und was bedeuten Ihnen Rekordmarken wie die neue Bestzeit, die Novellist sensationell neu aufstellen und um über 2 Sekunden zu Harbinger im Jahr 2010 schlagen konnte?

Dr. Christoph Berglar: Vergleiche dieser Art bringen m.E. nicht viel. Die Handicapper werden ohnehin hierzu das letzte Wort haben. Den neuen Bahnrekord zu brechen dürfte nicht leicht werden, denn die Kursführung in Ascot ist alles andere als ein Lauf einmal rund ums Stadion.

GaloppOnline.de: Man weiß, dass Sie bekennender Fan der Rennbahn Baden-Baden sind. Steht einem Start von Novellist im Großen Preis von Baden nichts im Weg oder denkt man doch intensiv über den Prix Foy als Vorbereitungsrennen auf der Arc-Bahn selbst für das Rennen der Rennen im Oktober nach?

Dr. Christoph Berglar: Ich weiß es nicht, wir müssen abwarten, wie die Dinge sich entwickeln. Das Interesse des Pferdes hat Vorrang. Das Saisonziel ist der Arc. Johnny Murtagh soll ihn dort reiten.

GaloppOnline.de: Für die Prix de Diane-Siegerin wurde ein Preis von bis zu 8 Millionen Euro kolportiert und es ist kein Geheimnis, dass die Qataris hängeringend nach Arc-Pferden suchen, wollen sie das von ihnen gesponserte Rennen unbedingt gewinnen. Novellist steht im Wettmarkt vor Treve und hat klar bessere Formen gezeigt. Ist Novellist also einen zweistelligen Millionen-Betrag wert?

Dr. Christoph Berglar: Ich weiß nicht, was Novellist 'wert' ist. Aber das ist auch gar nicht wichtig. Denn ein Verkauf steht derzeit nicht auf der Tagesordnung.

GaloppOnline.de: Als Jährling haben Sie Novellist in Baden-Baden für 100.000 Euro zurückgekauft. Ab 110.000 Euro wäre er also weg gewesen?

Dr. Christoph Berglar: Das ist Schnee von gestern.

GaloppOnline.de: Lange galt der Mythos, dass Monsun-Nachkommen weichen Boden bevorzugen. Andre Fabre hat sich dagegen schon früh immer gewährt und soll gesagt haben, das es völliger Quatsch sei. Mit Manduro und Novellist zeigten nun die besten zwei Monsun-Söhne ihre besten Karriere-Leistungen auf schneller Bahn. Hatte Fabre also Recht?

Dr. Christoph Berglar: Was Fabre sagt, stimmt eigentlich immer. Zumindest wenn es um Pferde geht. Novellist ist bereits äußerlich ein untypischer Monsun-Nachkomme: eher klein und etwas gedrungen, ganz im Northern Dancer Typ stehend. Hier kann man den Einfluss von Night Shift, dem Vater seiner Großmutter, sehr gut erkennen. Seine Galoppade ist flach und sehr athletisch. Von daher hatten wir eigentlich nie Zweifel daran, dass er auch schnelles Geläuf kann.

GaloppOnline.de: Monsuns beste Söhne konnten sich als Stallions bisher leider alles andere als bewähren. Bei den Weltstars Shirocco und Manduro kann man schon fast von Flops sprechen. Wie erklären Sie sich die Tatsache, dass die Söhne dieses Welt-Stallion bisher nicht einschlagen und haben Sie diesbezüglich dann auch Bedenken bei Novellist?

Dr. Christoph Berglar: Ich sehe weder Shirocco noch Manduro als Deckhengst-Flops. Ihnen ist es bislang allerdings nicht gelungen, Pferde ihres eigenen Formats zu zeugen. Dieses Schicksal teilen sie mit den meisten Hengsten, die sehr gute Rennpferde waren. Was Novellist angeht, sehe ich ihn, wie gesagt, phänotypisch nicht als 'typischen' Vertreter seines Vaters. Aber charakterlich hat er sehr viel von ihm. Das scheint mir der entscheidende Punkt zu sein. Unter diesem Gesichtspunkt war sein zweiter Platz im Deutschen Derby seine bislang größte Leistung. Er war nicht auf dem Posten, er fühlte sich nicht wohl, er musste sich mit einem versteckten Infekt auseinander setzen. Wenn ein Pferd in einer solchen Situation dann immer noch eine solche Leistung bringt und sich nicht aufgibt, dann hat er das, was alle Züchter suchen: Charakter!

GaloppOnline.de: Als King George-Sieger wird Novellist kaum in Deutschland aufgestellt werden. Monsun ist in Frankreich deutlich populärer als England und der Markt dort gesünder. Würden Sie den Stallion-Standort Frankreich für Novellist also irgendwann für am wahrscheinlichsten erachten?

Dr. Christoph Berglar: Darüber machen wir uns Gedanken, wenn es so weit ist.

GaloppOnline.de: John Magnier sagte vor einigen Jahren, dass er seine Stars länger im Training lässt und es mittlerweile sehr genießt, wenn sie auch im Alter noch große Rennen gewinnen. Eine Karriere-Fortsetzung von Novellist im kommenden Jahr schließen Sie aber aus, oder kann das Magnier-Motto auch auf Sie überschwappen?

Dr. Christoph Berglar: Ich weiß es nicht. Die einen sagen, man kann eine Zitrone nur einmal auspressen. Die anderen sagen, eine lange aktive Rennkarriere hat keinen Einfluss auf die Vererbungskraft. Es sind Meinungen, und für jede Meinung lassen sich genügend Beispiele finden, die sie zu bestätigen scheinen.

GaloppOnline.de: Novellist scheint keinerlei Probleme mit Reisen zu haben, hat nun Gruppe I-Rennen auf Links- und Rechtskursen gewonnen und kann schnelle und weiche Bahn. Er braucht nur ein schnelles Rennen, was es im Arc immer gibt. Im Klartext: Gesundheit vorausgesetzt, was müssen Sie im Arc eigentlich fürchten?

Dr. Christoph Berglar: Fürchten muss man eigentlich immer nur die eigenen Fehler. Am gefährlichsten ist es, wenn das Ego das Kommando übernimmt.

GaloppOnline.de: Und wer sind für Sie die zu schlagenden Pferde im Prix de l’Arc und warum?

Dr. Christoph Berglar: Alle, die in diesem Rennen antreten. Denn nur, wenn Du sie alle schlägst, kannst Du das Rennen gewinnen. That's racing!

(30.07.2013)