Wildschwein-Absage in Düsseldorf – Das sagt der Präsident

Die Absage des Sonntagrenntages in Düsseldorf wird nach wie vor diskutiert, Wildschweine hatten Teile des Geläufs durchwühlt.

Dr. Alexander Bethke-Jaenicke, Präsident des Düsseldorfer Reiter- und Rennvereins, erläutert in einem Interview Hintergründe zur Absage – und was hinter den Kulissen so alles passiert, was Außenstehende ganz einfach nicht mitkriegen.

Das war ihre erste Renntag-Absage als Präsident des DRRV – einmal ganz persönlich gefragt: Wie geht es ihnen?

Ich hoffe vor allem, es wird für lange Zeit die letzte Absage gewesen sein wird. Wie es mir geht, ist aber auch unerheblich. Für uns stehen die Aktiven, die Besitzer, unsere Sponsoren, in diesem Fall vor allem die Stadtsparkasse Düsseldorf, die Kunden der Sparkasse und unsere Besucher im Mittelpunkt. Und denen konnten wir nicht bieten, was wir uns und ihnen versprochen hatten: Einen weiteren Top-Renntag auf ihrer Heimat-Rennbahn. Das ist nicht unser Anspruch und das enttäuscht uns sehr. Alle bei uns waren einfach traurig, weil wir uns auf dieses tolle Jubiläum mit der Sparkasse gefreut haben. Als wir die Absage-Entscheidung getroffen haben, hatten einige Tränen in den Augen – übrigens auch im Organisationsteam der Sparkasse. Das hat mich sehr bewegt und mir noch einmal vor Augen geführt, warum es richtig ist, dass wir uns so sehr für den Galoppsport und unsere Renntage ins Zeug legen: Weil es den Menschen in unserer Stadt etwas bedeutet.

Gewähren Sie uns einen Einblick hinter die Kulissen: Wie läuft so ein Prozess eigentlich ab?

Das war der vielleicht positivste Aspekt an dieser an sich unschönen Erfahrung: Unsere Prozesse in Krisenmanagement haben m.E. gut funktioniert: Nach ersten Anzeichen auf Wildschweine im Umfeld am vergangenen Freitag wurde unmittelbar der zuständige Revierjäger des örtlichen Hegerings kontaktiert, der bereits in der Vergangenheit erfolgreich gegen andere Tiere wie Dachse helfen konnte. Es wurde unmittelbar reagiert und bereits das gesamte Wochenende über „angesessen“.
Um 8:14 Uhr am Montag hat Andrea Höngesberg Präsidium und Vorstand über die ersten Schäden informiert, die in den frühen Morgenstunden des Montags entstanden sein müssen. Parallel wurden Deutscher Galopp, Prüfungskommission und Trainer- und Jockeyverband eingebunden. Am Mittag haben sich unsere Gremien – unter Federführung von Andrea, aber auch von Klaus Allofs und Norbert Böhm – gemeinsam mit Karl Trybuhl und weiteren Experten vor Ort ein Bild von der Lage gemacht und alle vorstellbaren Maßnahmen geprüft. Das Team vor Ort war zunächst noch zuversichtlich, dass es Lösungsansätze geben kann. Natürlich habe ich auch den Vorstand Deutscher Galopp zu jedem Zeitpunkt informiert gehalten und stand insbesondere mit Dr. Michael Vesper und Gregor Baum aber auch mit Dr. Stefan Dahm, den Vorstandsvorsitzenden der Stadtsparkasse, bilateral im Austausch. Obwohl in der Nacht zu Dienstag der Jäger durchgängig vor Ort war, konnte ein erneuter „Befall“ der Wildschweine nicht vollständig verhindert werden. Zudem hatten sich in der Nacht die Wetterbedingungen für eine Instandsetzung durch den einsetzenden Regen relevant verschlechtert. Am Dienstag früh gab es dann eine weitere Begehung vor Ort mit Sascha Wöhler, der dafür übrigens berufliche Termine verschoben hat und extra dafür angereist ist. Die Frage, ob es realistisch eine Chance geben kann, bis Sonntag – egal um welchen Preis – ein sicheres Geläuf anbieten zu können, wurde von allen Beteiligten, also einstimmig, negativ beschieden. Deshalb war die Absage am Dienstag die einzige uns verbliebene Option. Es wurde sofort reagiert und die Absage entsprechend unseres „Kommunikationsfahrplans“ für solche Fälle Schritt für Schritt umgesetzt – sprich Benachrichtigung der Vertreter der Aktiven und Gremien, der vier weiteren Renn-Sponsoren des Tages, aller Gewerke und Dienstleister und dann auch der Presse und Öffentlichkeit. Andrea Höngesberg hat das mit ihrem Team perfekt gemanagt. Parallel wurde durch den Deutschen Galopp geprüft, ob man Rennen verlegen kann. Die Ergebnisse sind aber ja bekannt und m.E. – den Umständen entsprechend – erfreulich.

Haben Sie die Wildschweine mittlerweile unter Kontrolle? Ist sichergestellt, dass es keine weiteren Besuche der Tiere auf der Bahn geben wird?

Das ist ein guter Punkt. Ganz so einfach ist das nämlich gar nicht. Der zuständige Jäger ist jetzt in den Nächten im Einsatz, um weitere „Angriffe“ zu verhindern. Aber das gesamte Areal ist erstens bekanntlich riesig und muss auch für Training und Golfbetrieb offengehalten werden. Daher ist es nicht vollständig durch Zaunanlagen zu schützen. Zweitens kann ein Jäger in einem öffentlich zugänglichen Gebiet auch nicht schalten und walten, wie er will. Er hat es ja berichtet: Es gibt zu noch nächtlichen Zeiten bereits diverse Jogger, Menschen, die ihre Hunde ausführen und Spaziergänger. Ich sage mal so: Das alles limitiert die Handlungsoptionen eines Jägers. Zusätzlich wurde Vergrämungsfutter ausgebracht und zusätzlich Elektrozäune installiert. Zumindest haben wir alles unternommen, was kurzfristig unternommen werden kann. Eine Garantie gibt es nicht. Letzte Nacht gab es schon mal keine Eindringlinge mehr. Hoffen wir also, dass die ergriffenen Maßnahmen weiter ihre Wirkung zeigen.

Wie hat der Hauptsponsor auf die Absage reagiert? Bedeutet so eine Absage dann auch Ärger?

Nein, keineswegs. Die Stadtsparkasse Düsseldorf hat hervorragend reagiert, aber daran hatten wir auch nie Zweifel. Die Sparkasse ist ein echter Freund und Partner für uns. Seit 40 Jahren veranstalten wir gemeinsam fantastische Renntage. In diesem Jahr hatte die Sparkasse aufgrund des Jubiläums das Listen-Rennen auf 40.000 € Preisgeld erhöht. Das höchstdotierte Listenrennen des Jahres. Das müssen Sie sich bitte einmal vorstellen. Ein Sponsor, der ihnen ermöglicht, solche Angebote an die Aktiven und unsere Besitzer zu machen. Das ist ja auch nicht selbstverständlich. Genauso wie wir selbst, ist auch die Sparkasse, und an der Spitze Dr. Stefan Dahm, darum bemüht, mit uns gemeinsam Lösungen zu finden, wie wir „möglichst viel Sparkassen-Familienfest“ auf einen der noch ausstehenden Renntage werden übertragen können. Alle ziehen an einem Strang, der Slogan „Weil‘s um mehr als Geld geht, Sparkasse“ hätte wohl kaum glaubwürdiger mit Fakten unterlegt werden können. Ich hoffe wirklich, dass die gesamte Galopper-Familie dieses langjährige und verlässliche Engagement zu schätzen weiß.

Über Social Media wurden aber auch Stimmen verbreiten, die sagen, dass man die Schäden leicht hätte beheben und am Sonntag planmäßig veranstalten können. Wie sehen Sie das?

Das ist völliger Blödsinn. Wer sowas sagt, der hat entweder keine Ahnung oder trägt keine Verantwortung, aber vermutlich – Gott sei Dank – beides. Alle Experten vor Ort haben uns ein und dasselbe Bild vermittelt: Ein Renntag am Sonntag ist unmöglich, weil das Geläuf – selbst optimal präpariert – immer noch erheblich Risiken für Pferde und Reiter bedeutet hätte. Es ist selbstredend, dass niemand so ein Risiko im Kauf nehmen darf. Das wäre sogar grob fahrlässig. Fakt ist vielmehr: Es wird alles andere als trivial, bis zum nächsten Renntag im September eine Situation zu schaffen, die möglichst so ist, es hätte es die Wildschweine auf der Bahn nie gegeben. Genau darauf konzentrieren wir uns jetzt und Sie können sich sicher sein, dass unser Greenkeeper-Team rund um Frederic Böhm alles tun wird, um genau das zu erreichen. Der Boden an den beschädigten Stellen wurde mittlerweile großflächig abgetragen. Die Arbeiten zur Revitalisierung des Geläufes wurden bereits planmäßig initiiert. Ich bin wirklich stolz auf unsere Greenkeeper, weil hier schon viel geleistet wurde. Mit diesem Engagement werden wir es bis zum Gourmet-Renntag schaffen. Und an dem gibt es dann vielleicht sogar einen Stand mit Wildschweinbraten.

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