Newcomer 2006: Der neue Tiger auf dem Fährhof

Die Box auf dem Fährhof war eigentlich für einen anderen eingestreut. Eagle Rise, der Danehill-Sohn, sollte der neue, der dritte Deckhengst in Sottrum sein, die Verträge waren bereits unterschrieben, die PR-Maschine war angelaufen, doch ein schwerer Unfall kam dazwischen. In der Kölner Europa-Meile verletzte sich der Ullmann-Hengst schwer, musste aufgegeben werden. Doch Dr. Andreas Jacobs und sein Team ließen sich nicht lange Zeit auf der Suche nach einem Ersatz.

Und was für einem: Der Danehill-Enkel Königstiger wurde wenige Tage später von der Stiftung Gestüt Fährhof erworben, ein junger Tiger Hill-Sohn, nach Rennleistung und Pedigree sicher ein höchst interessanter Neuling.

Zumal sein Vater inzwischen nach England exportiert wurde, dort im Dalham Hall Stud von Scheich Mohammed gleich ein absoluter Schlager ist, was das Interesse der Züchter anbetrifft. Er ist, wie wir unlängst schon berichtet haben, bei einer Decktaxe von 25 000 Pfund (ca. 37 500 Euro), bereits ausgebucht. Was ein Vielfaches seiner letzten Taxe in Schlenderhan ist.

So dürfte so mancer Züchter die nähere und auch preiswertere Alternative Königstiger buchen, bislang der beste Sohn seines Vaters auf der Rennbahn. Sechs Rennen hat er bestritten, hat vier davon gewonnen und war bei den anderen beiden im Geld, das ist schon eine absolut vorzeigbare Laufbahn. Debutiert hat der von Peter Schiergen trainierte Hengst zweijährig gleich in Baden-Baden, wobei ihm gleich ein erstklassiger Ruf viraus ging.

Denn er ging für karge 17:10 an den Start, löste diese Aufgabe auch mit Bravour, denn er setzte sich sehr leicht gegen Jasmina und Wings of Glory durch. Sechs Wochen später wurde Königstiger im Gran Criterium in Mailand aufgeboten, immerhin ein Gruppe I-Rennen. Schlenderhan hatte für dieses Rennen gleich zwei Pferde genannt, neben Königstiger noch Idealist, einen weiteren Tiger Hill-Sohn, der immerhin zuvor bei seinem Debut den Junioren-Preis gewonnen hatte. Er war dann auch die Wahl von Stalljockey Andreas Suborics, Filip Minarik ritt Königstiger.

Es war in der langen Geschichte von Schlenderhan sicher ein denkwürdiger Tag, denn beide Hengste engagierten sich zu einem packenden Finale, das Königstiger schließlich knapp für sich entschied. Erster-Zweiter in einem Gruppe I-Rennen für Zweijährige – das gibt es international für einen Züchter und Besitzer nur höchst selten. Die Wertigkeit dieses Sieges ist sicher nicht ganz einfach einzuschätzen.

Immerhin gewann Idealist in diesem Frühjahr den Preis von pferdewetten.de in Krefeld, war dann aber nach dem vierten Platz im Mehl-Mülhens-Rennen nicht mehr hinauszubringen. Die Engländer Hearthstead Wings, der im Gran Criterium Dritter war, ist in diesem Jahr über die Handicap-Klasse nicht hinausgekommen, kann zumindest als nützliches Pferd bezeichnet werden.

Allerdings zeigte Königstiger in diesem Rennen eine Tugend, die ihn auch dreijährig auszeichnen sollte: Eine enorme Kampfkraft. Auch in scheinbar aussichtslosen Situationen konnte er noch zulegen, eine Tugend, die ihn auch als Dreijährigen auszeichnen sollte. Sein Jahresdebut gab er im Frühjahrspreis des Bankhaus Metzler, in dem ihn wie schon in Italien Filip Minarik ritt. Mit 15:10 stand der Schlenderhaner bei einer höchst niedrigen Quote und sein Anhang musste auch lange zittern.

Über einen großen Teil des Weges bestimmte der Außenseiter Orange Blue das Geschehen, erst auf den letzten Metern rauften sich die Schiergen-Pferde Königstiger und Bernard an ihm vorbei. Einen Kopf-Vorsprung rettete Königstiger ins Ziel, Bernard wurde Zweiter. Dieser galt im Asterblüte-Stall stets als hoffnungsvolles Pferd, war auch im Derby mit William Mongil als Starter angegeben, doch musste er kurzfristig zurückgezogen werden und ist seitdem auch nicht mehr gelaufen.

Für Königstiger war es aber ein höchst reeller Einstand in die Saison, er ging auch als 18:10-Favorit an den Start des Oppenheim-Union-Rennens, in dem er wieder von Andreas Suborics gesteuert wurde. Wieder sah es lange nach einer Sensation aus, denn der als Tempomacher aufgebotene Silent Wind führte über Terry Hellier über einen großen Teil des Weges. Genauer gesagt, bis wenige Zentimeter vor dem Ziel, denn erst dann hatte ihn Königstiger, der innen durch eine Lücke gestossen war, gestellt und passiert.

Es ist damals viel über den Rennverlauf spekuliert worden, doch ist Silent Wind sicher besser als es damals noch schien, zum anderen ist Königstiger gewiss ein Pferd, das immer nur das Nötigste tat. Le King, der später einging, war vor Bernard und Nicaron Dritter.

Natürlich wurde Königstiger dann nach Hamburg verladen, war zu einem Kurs von 44:10 zweiter Favorit im Deutschen Derby. Es zeigte sich aber, dass die 2400-Meter-Distanz, zumal auf dem aufgeweichten „Horner Moor”, doch zu weit für ihn war. Als die Pferde in die Zielgerade kamen, schien er neben seinem favorisierten Stallgefährten Arcadio noch Chancen auf mehr zu haben, doch war innerhalb weniger Galoppsprünge klar, dass er zumindest nicht für einen Platz weit vorne in Frage kommen würde.

Die Acatenango-Söhne Nicaron und Night Tango hatten das größere Stehvermögen, auch Arcadio war besser, für Königstiger langte es zu einem respektablen vierten Platz.

Nur noch einmal sollte Königstiger an den Start kommen, im Merrill Lynch Euro-Cup in Frankfurt, den er als 22:10-Favorit bestritt. Die geforderten 2000 Meter schienen eigentlich ideal für ihn sein, doch gegen den starken Rekonvaleszenten Fight Club hatte er keine Chance, mit einem zweiten Platz vor Saldentigerin und Dalicia beendete er seine Rennlaufbahn, bei der er nur wenig falsch gemacht hatte.

Königstiger ist das zweite Produkt der Barathea-Tochter Kittiwake. Das Gestüt Schlenderhan hat sich in den vergangenen Jahren auf den internationalen Auktionen immer sehr prominent engagiert und auch hohe Ausgaben nicht gescheut. Die jetzt zehn Jahre alte Stute gehört sicher dazu. Sie kostete als Jährling bei Tattersalls in Newmarket immerhin 300 000 Guineas (rund 450 000 Euro), was sie aber als langfristige Anlage – letztlich war sie ja als Mutterstute vorgesehen – mehr als wert war. Sie ist sicherlich aktuell eine der besten Zuchtstuten in Deutschland.

Trainiert wurde sie von Geoff Wragg in Newmarket, bei nur sechs Starts gewann sie ein über 2000 Meter führendes Maidenrennen in Kempton unter Michael Roberts, war über Distanz auch Zweite in einem Listenrennen in Yarmouth. Ein Ausflug nach Deutschland, wo sie an dem von Flamingo Road gewonnenen Preis der Diana teilnahm, war erfolglos geblieben.

Kittiwake wurde in die Schlenderhaner Gestütsherde eingereiht und hat sich auf Anhieb als Erfolg erwiesen. Ihr Erstling ist die Monsun-Tochter Kitcat, die dreijährig gleich ihre ersten drei Starts siegreich gestaltete, darunter den Preis des Bankhauses HSB (1600 Meter) und die Japan Racing Association Trophy (1800 Meter) auf Listenebene. In Gruppe III-Rennen kam sie im Herbst noch in Mailand und Köln auf die Plätze zwei drei. 2005 lief sie auf Listenebene noch zweimal ins Geld. Nach Königstiger brachte Kittiwake die Monsun-Tochter Karavel.

Diese hat sich bereits in der Spitzengruppe des Jahrgangs etabliert, da sie nach ihrem Maidensieg in München in dem von Nordtänzerin gewonnenen Preis der Winterkönigin Dritte wurde. Der zweijährige Hengst Katmai (von Tiger Hill) steht im Stall von Peter Schiergen zu großen Taten bereit, auf der Koppel ist noch ein von Monsun stammender Jährlingshengst namens Kalpak.

Kittiwake war als Jährling nicht ganz preiswert, weil sie erstklassig gezogen ist. Sie stammt aus dem ersten Jahrgang des Breeders’ Cup-Siegers Barathea, der längst als bewährter Vererber anerkannt ist. Ihre Mutter Gull Nook hat während Royal Ascot die Ribblesdale Stakes (Gr. II) gewonnen, ihr bisher bestes Produkt ist der Champion Pentire (von Be My Guest), der in diesem Frühjahr seine zweite Decksaison in Isarland absolviert.

Der vielfache Gruppe I-Sieger ist im Fernen Osten, in Japan, Neuseeland und Australien mit seinen Nachkommen bestens eingeschlagen, bekommt auch in Deutschland Zuspruch von vielen führenden Gestüten. Spring (von Sadler’s Wells) ist eine Schwester von Kittiwake, Gruppe-Siegerin in Italien und Mutter des Black Type-Siegers Inglenook. Auch im weiteren Verlauf des Pedigrees findet man viele bekannte Namen. Königstigers dritte Mutter Benpton ist Schwester des Epsom Derby-Siegers Shirley Heights, es ist die direkte Familie von Divine Proportions und Whipper.

In Fährhof ist man über den Zuspruch, den Königstiger in seinem ersten Jahr bekommen wird, mehr als zufrieden. „In der Vergangenheit waren die großen Gestüte bei unseren jungen Hengsten immer sehr zurückhaltend”, berichtet Dr. Andreas Jacobs, „das ist bei Königstiger erfreulicherweise nicht der Fall, wir haben viele prominente Buchungen bekommen.”

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