Es ist die Nacht vor dem wichtigsten Pferderennen des Jahres. Die Nacht von Samstag auf Sonntag, auf jenen ersten im Juli. Den wichtigsten Tag im Leben eines Vollblüters. Vor der Box eines Fuchshengstes liegt eine Decke ausgebreitet, das Kopfkissen ist mit Stroh unterlegt. Um 5. 15 Uhr weckt der Vierbeiner seinen Bewacher, hat Hunger. Das Nachtlager wird kurz verlassen, eine Lage Heu in die Box gebracht. Dann noch einmal eine gute Stunde Schlaf. Zeit zu träumen, zu träumen von einem großen Tag.
Um 6.30 Uhr verlässt Gregor Axler dann sein "Bett" vor der Box von Boreal. Zur selben Zeit herrscht im Hause der Familie Reid in Irland, am Starnberger See in der Nähe Münchens und im Hamburger Atlantic Hotel noch Ruhe. Axler betritt die Box, schaut nach dem Rechten. Der Trug ist leer. Ein gutes Zeichen, der Tag kann beginnen. Nachdem das Pferd sauber gemacht wurde, wird Boreal durch die Morgenluft von Horn geführt. Natürlich von Gregor Axler. Seit Anfang des Jahres ist der ehemalige Jockey Reisefuttermeister am Quartier von Peter Schiergen. Noch länger reitet er schon am Asterblüte-Stall, der legendären Adresse dieses Sports.
Als im Oktober 1999 ein Jährling aus dem Gestüt Ammerland nach Köln kommt, hat Axler die Aufgabe, ihn einzureiten. Er war der erste Mann auf dem Rücken des Hengstes mit der prominenten Schwester Borgia. Das Blut stimmte, der Rest ist Veranlagung und die Arbeit des Teams. Zweieinhalb Jahre nach jenem ersten Tag im Sattel des Britannia-Sohnes, sitzt Axler an einem Montag-Morgen wieder auf dem Fuchs. Es ist die Abschlussarbeit für das Derby. Nicht viele haben in der Zeit auf dem Pferd gesessen. Der Stall-Jockey sicher hin und wieder, dann auch einmal Trainer Peter Schiergen persönlich. Sonst aber eben Axler. Kein Quinn, kein Minarik. Sondern Gregor Axler.
Reiten hat er von klein auf gelernt. Mit 8 Jahren wurden Ponys über die Wiese gejagt. Am 29. März 1987 absolvierte der jetzt 32jährige dann sein erstes Rennen, wurde mit Manamo in Düsseldorf Zweiter. Am 4. Juli 1987 folgte in Mülheim/Ruhr der erste Sieg. Im Dress des Fährhofers Pedregal, trainiert vom großen Heinz Jentzsch. Seine Jockey-Bilanz: Platz drei in den 1,000 Guineas als bestes Ergebnis in einem Top-Rennen und insgesamt 180 Siege. Über 2000 mal ist Axler in den Sattel gestiegen. Zuletzt vor 2 Wochen in Frankfurt. Gelegentlich reitet er noch, wird im nächsten Jahr aber keine Lizenz mehr einreichen. Die Zeit ist eng bemessen. Denn schließlich ist er Reisefuttermeister an einem der größten und wichtigsten Rennställe dieses Landes, bei Peter Schiergen.
Nachdem Boreal seinen Morgenspaziergang beendet hat, geht es wieder in die Box. Axler und die anderen Leute aus dem Stall gehen frühstücken. Dann wieder in den Stall. Die Zeit des Wartens beginnt. Zwischendurch muss er dem Trainer helfen, holt den Sieger Tareno vom Geläuf ab. Nur noch vier Rennen bis zum Höhepunkt, zum größten Moment im Turfleben. Die Krawatte sitzt und auch Boreal ist fertig für seinen großen Auftritt. Mit den 17 anderen Kandidaten machen sich Axler und Boreal auf dem Weg zum Führring. Nachdem die Zuschauer den Hengst begutachtet haben, folgt die Parade. Axler klopft Boreal noch einmal auf den Hals und lässt ihn los. Er hat seinen Job getan. Kann nur noch hoffen.
Schnell noch einmal auf die Toilette und noch einen Wettschein abgeben. 200 DM auf Sieg, 200 DM auf Platz. Axler hat Vertrauen in "sein Baby". Auf einem kleinen Fernseher auf dem Siegespodest verfolgt er das Rennen. 400 Meter vor dem Ziel geht Boreal nach vorne, sein Pfleger zittert und schreit. Sie haben gewonnen. Beide, Axler und Boreal. Jetzt donnern nicht mehr die Hufe, sondern der Applaus von 48.000 Menschen auf das Geläuf von Horn. Boreal ist wieder am Zügel. Wieder in den Händen von Gregor. Knapp 10 Minuten war er alleine. 2 Minuten und 37 Sekunden davon hat er gebraucht, um sich unsterblich zu machen. Nummer 132 der Unsterblichen.
Wieder ist es fünf Uhr Morgens. 24 Stunden nachdem Boreal mit den Hufen kratzte und Heu forderte. Die Rückfahrt steht an, es geht zurück in die Heimat nach Köln. Mit dabei natürlich auch Gregor Axler. Der hat weniger geschlafen als das Pferd. Im "Johnny be good", einer Kneipe gegenüber der Rennbahn, hat er mit anderen Leuten aus den Ställen gefeiert. Die ganze Nacht, bis zur Abfahrt. Als sie in Köln ankommen, hängt der Lorbeerkranz schon über dem Asterblüte-Schild. An der Box von Boreal, in der selben Reihe standen Pferde wie Lagunas, wird ein Schild mit der Aufschrift Derbysieger hängen. Morgen wird dann Gregor Axler wieder in den Sattel von Boreal steigen. Einmal ist er schon runter gefallen, als Boreal zwei Jahre alt war. Am Sonntag hat Axler aber auch die blauen Flecke von damals vergessen.










